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Die vergessene Heldin
Thilo Schneider • 1. Juli 2021
...es war nur eine alte Frau...

Ilse K. (Name und Geschichte sind komplett fiktiv) wurde am 15.06.1939 in Würzburg geboren. Ihr Vater Ernst und ihre Mutter Gisela entstammten der Würzburger Mittelschicht. Ernst war selbständiger Schneider und hatte eine ganz gute Auftragslage, zumal er in diesem Jahr immer mehr damit beschäftigt gewesen war, Militäruniformen anzupassen. Gisela war, bis zu ihrer Schwangerschaft, als Telefonfräulein in der Vermittlung beschäftigt. Ernst wurde 1944 schließlich in Russland als „vermisst“ gemeldet, kam tatsächlich jedoch 1946 aus russischer Kriegsgefangenschaft in das total zerstörte Würzburg zurück. Ernst und Gisela bekamen 1949 noch einen Sohn, auf den Ilse in schöner Regelmäßigkeit aufpassen musste, während ihre Eltern wieder beide berufstätig waren, um der Familie das kleine Häuschen in den Ausläufern der Sanderau, einem Stadtteil von Würzburg, wieder aufzubauen und aufzustocken.
Es gab an diesem Tag drei Tote und mehrere Verletzte. Bei dem Gedenkgottesdienst für die Opfer am 27. Juni werden die anwesenden Politiker, deren „Gedanken“ stets „bei den Opfern“ sind, namentlich begrüßt. Ilses Name und die der anderen Opfer bleiben ungenannt. „Don´t say their names.“ Der „liebe Flüchtling“ hat den „bösen Flüchtling“ aufgehalten, somit ist die Waagschale wieder im Gleichgewicht und es wäre jetzt höchst populistisch, hier weitere Fragen zu stellen. Es ist alles wieder gut.
Daher sind Ilse und ihre Geschichte auch rein fiktiv und nur meiner Fantasie entsprungen. Vielleicht geht die Geschichte auch ganz anders. Wir werden es nie erfahren. Es gibt lediglich über die ermordete Mutter einige dünne Angaben. Aber ich glaube, Ilse würde auf eine Würdigung sowieso keinen Wert legen. Sie tat, was sie für richtig und selbstverständlich hielt. Sie bezahlte dafür mit ihrem langen Leben.
Dieses Land und seine Medien und Politiker widern mich nur noch an.
P.S. Zumindest ist mittlerweile der Vorname bekannt. Die wahre Heldin dieses Dramas heißt Johanna. Sie gab ihr Leben, damit ein Kind seines behalten darf.
Ilse beendete die Schule 1955 mit der „Mittleren Reife“ und machte danach eine Ausbildung zur Steuerfachgehilfin in einer renommierten Würzburger Steuerberatungskanzlei, bei der sie bis 1960 blieb. Sie hörte gerne deutsche Schlager und Bill Haley, Elvis war ihr etwas zu aggressiv und proletenhaft und mehr als einmal schallte der Ruf „mach den Jazz aus“ durch das Haus in der Sanderau. Sie tanzte sehr gerne und mochte es, wenn ihr Petticoat flog. Ungefähr 1960 lernte Ilse in der Schneiderei einen hübschen jungen Mann kennen, der ihrem Vater seine neuesten Kollektionsentwürfe für Damenkleider präsentierte, da er für die Muster einen guten Schneider benötigte. Ilse verliebte sich Hals über Kopf.
Ilse und Werner heirateten 1964 und galten in ihren Familien als Traumpaar. Sie liebte ihren Werner sehr und 1966 wurden erst ihr Sohn, 1969 ihre Tochter geboren. Werner wechselte 1972 zu einer Versicherung, nachdem seine eigene Schneiderei nicht mehr genug an Einkommen abwarf und war sehr fleißig, ebenso wie Ilse, die ihre Arbeit als Steuerfachgehilfin mehr oder weniger ebenfalls wieder aufgenommen hatte, da sie hier auch von zu Hause, bei den Kindern, arbeiten konnte. 1974 kauften sich beide ein Reihenhaus mit Flachdach in einem der Örtchen um Würzburg herum und Ilse machte endlich den Führerschein, weil die Busverbindungen nach dort so schlecht waren. Einen kleinen Datsun gab es als Geschenk zum Führerschein dazu. Sie feierten Geburtstage und Weihnachten, „old fashioned“, wie man heute sagen würde und waren fleißige und gute Menschen, die ihren Kindern ein Heim geben wollten.
Die Kinder wurden größer und gingen schließlich aus dem Haus, dafür zog Ilses Vater Ernst, schwer dement, nach dem Tod von Gisela bei ihnen ein. Ilse arbeitete jetzt halbtags, um ihren Vater versorgen zu können, der schließlich im Jahr 1986 hochbetagt starb. Ilse freute sich, dass sie nun endlich genug Zeit mit Werner würde verbringen können. Sie hatten einen großen sympathischen Bekannten- und Freundeskreis und machten ein paar schöne Urlaube und Reisen miteinander. Allerdings währte diese harmonische Zeit nicht lange, weil bei Werner 1992 ein bösartiges Lungenkarzinom festgestellt wurde. Er starb 1995 daran, nicht ohne noch wenigstens einen Blick auf sein erstes Enkelkind geworfen zu haben. Ilse lernte danach noch einige Herren kennen, aber an ihren verstorbenen Werner kam eben doch keiner heran. Einmal in der Woche besuchten sie ihre Kinder in dem Vorort, das samstägliche Frühstück mit allen wurde festes Ritual in der Familie. 1997 kamen gleich zwei weitere Enkel zur Welt, 2004 schließlich der Vierte, Tobias, der Nachzügler. Ilse ging in diesem Jahr vorzeitig in Rente und übergab die obere Wohnung ihres Hauses an ihre Tochter, die sich nach der Trennung von ihrem Mann keine Wohnung in Würzburg leisten konnte. Ilse passte tagsüber auf ihr Enkelkind auf, während ihre Tochter sich alleine um den Lebensunterhalt bemühte.
2014, zum 75sten Geburtstag, kamen der Bürgermeister und der Pfarrer des Örtchens vorbei und gratulierten ihr herzlich.
2014, zum 75sten Geburtstag, kamen der Bürgermeister und der Pfarrer des Örtchens vorbei und gratulierten ihr herzlich.
Am 25.06.2021 verabredete sich Ilse mit ihrer Tochter für den Nachmittag in der Würzburger Innenstadt zum Eis essen. Sie war schon lange nicht mehr in Würzburg gewesen, weil sie jetzt nicht mehr Auto fahren konnte und so hatten sie verabredet, dass Ilse mit dem Bus nach Würzburg fahren würde und sich dort mit ihrer Tochter treffen würde. Ilse beschloss, im Woolworth noch ein paar stützende Kniestrümpfe zu kaufen, da ihr ihre Beine nun doch langsam Probleme machten, was mit 82 Jahren auch kein Wunder war, wie sie selbst für sich lächelnd beschloss. Wenn es nur das war, was sie in diesem Alter quälen würde… Sie suchte gerade nach der für sie passenden Größe, als sie neben sich Schreie hörte. Ein Mann stach mit einem Messer auf eine Frau ein, die sich schützend vor ihr Kind geworfen hatte. Ilse dachte keine Sekunde lang nach und versuchte, mit ihren schwachen Kräften den Täter von der schreienden und blutenden Frau wegzuziehen. Das verletzte Kind, ein etwa 11-jähriges Mädchen, wand sich unter seiner sterbenden Mutter hervor und rannte schreiend aus dem Laden. Ilse hatte den Täter nur kurzzeitig ablenken können, jetzt stach dieser auf sie mehrere Male ein und das letzte Wort, das Ilse einfiel, während sie verblutete, war „Werner“. Aber ihre Tat hat das Mädchen gerettet. Ihre Urenkel wird sie nie kennenlernen.
Die Zeitungen berichteten später von Chia Rabiei (42), einem frisch aus Kurdistan stammenden Flüchtling, der derzeit in einer Asylbewerberunterkunft lebt und dem fliehenden Täter seinen Rucksack entgegenwarf und den er außerdem mit „selbst erlernten Kampfsportbewegungen“ einschüchterte. Für diese Tat will ihm der bayerische Ministerpräsident die Tapferkeitsmedaille überreichen. „Danke, dass Sie den Mut haben, sich zu engagieren ohne, dass Sie scheinbar verpflichtet sind.“ (Ton und Kommafehlern aus Welt.de übernommen), ehrt ihn Markus Söder. Er gilt als „Held von Würzburg“.
Es gab an diesem Tag drei Tote und mehrere Verletzte. Bei dem Gedenkgottesdienst für die Opfer am 27. Juni werden die anwesenden Politiker, deren „Gedanken“ stets „bei den Opfern“ sind, namentlich begrüßt. Ilses Name und die der anderen Opfer bleiben ungenannt. „Don´t say their names.“ Der „liebe Flüchtling“ hat den „bösen Flüchtling“ aufgehalten, somit ist die Waagschale wieder im Gleichgewicht und es wäre jetzt höchst populistisch, hier weitere Fragen zu stellen. Es ist alles wieder gut.
Daher sind Ilse und ihre Geschichte auch rein fiktiv und nur meiner Fantasie entsprungen. Vielleicht geht die Geschichte auch ganz anders. Wir werden es nie erfahren. Es gibt lediglich über die ermordete Mutter einige dünne Angaben. Aber ich glaube, Ilse würde auf eine Würdigung sowieso keinen Wert legen. Sie tat, was sie für richtig und selbstverständlich hielt. Sie bezahlte dafür mit ihrem langen Leben.
Dieses Land und seine Medien und Politiker widern mich nur noch an.
P.S. Zumindest ist mittlerweile der Vorname bekannt. Die wahre Heldin dieses Dramas heißt Johanna. Sie gab ihr Leben, damit ein Kind seines behalten darf.

Ist das nicht süß? Wirklich zuckersüß, wie sie jetzt alle springen, tanzen und singen? Da kommt so ein Ami aus Amirika zur Münchner Sicherheitskonferenz und hält den bei Häppchen und Sekt versammelten grauen Köpfen der europäischen Nomenklatura einen 20-minütigen, freien und fehlerlosen Vortrag über Demokratie und Mehrheiten, verzwergt seine Zuhörer und deklassiert sie und landauf landab fliegen die geohrfeigten Köpfe der Brandmaurer. Da stellt sich dann ausgerechnet ein ausgebildeter Neo-Sozialist wie der Bundespräsident, der vor nicht einmal 12 Monaten den amtierenden Präsidenten der USA als „Hassprediger“ abgekanzelt hat, hin und verbittet sich eine Einmischung der Amerikaner in die lautere und tadellose Demokratie der Schwachkopf-Anzeiger, „So-Done“-Betreiber und Morgens-aus-dem-Bett-Klingler. Da sind sie alle ganz aufgeregt, die, die nicht müde wurden, zu beteuern, dass mit Donald Trump das absolut Böse ins Weiße Haus einziehen wird. Die den altersschwachen Joe Biden zu einem stolzen Führer der freien Welt mit dem absoluten Überblick verklärten, um gleich anschließend Kamala Harris zu einer Lichtgestalt zu verklären, die den Heiligenschein Jesu um Milliarden Lux überstrahlte. Diese Politiker und Medien beschweren sich nun wie mit der Hand in der Keksdose ertappte Kinder über eine Rede, die ihnen, den Führern des Wertewestens und des freiesten und buntesten und diversesten Europas, das es je seit der Belagerung Konstantinopels gab, die demokratischen Leviten liest. Witzig – während ich diese Zeilen schreibe, lese ich auf X, dass der Rechtsanwalt Markus Roscher zu 3.000,- € Geldstrafe verurteilt wurde, weil er in einem Tweet Habeck, Scholz und Baerbock für das Heizungsgesetz als „boshafte Versager“ bezeichnet hat. Sein Waffenschein steht nun wegen „Unzuverlässigkeit“ ebenfalls zur Diskussion. Außerdem muss er im „Wiederholungsfall“ – nämlich, dass er die Genannten „in ihrem öffentlichen Wirken erheblich beeinträchtigt“ – damit rechnen, dass ihm der Entzug seiner Anwaltslizenz droht. Außerdem wurde er gewarnt, dass er im Einspruchsverfahren mit einer noch höheren Geldstrafe rechnen müsste. Sieht so die Meinungsfreiheit „unserer Demokratie“ aus? Das exakt ist es, was Vance mit seiner Rede gemeint hat. Und was unsere Politisierenden und die geneigten Medien vehement und ganz wehrhaft mit wedelnden Armen abstreiten. „Keine Meinungsfreiheit? Stimmt ja gar nicht! Halt die Fresse!“ Ich mag die AfD nicht. Ich finde sie zu wenigstens 60% ganz schrecklich, weil da auch ganz schreckliche Leute mitmachen, deren Stammtische ich schon in Jugendtagen gemieden habe, obwohl es die da noch gar nicht gab. Das spielt in einer Demokratie aber keine Rolle, wen ich mag oder nicht mag. Ich persönlich finde Grüne und Linke noch viel schrecklicher, radikaler und ja – auch gewalttätiger. Erst recht, wenn sie 1933 als Rechtfertigung für Zerstörung und Körperverletzung als Alibi heranziehen. Aber ebenso, wie ich die Einen ertragen muss, muss ich auch die anderen ertragen. Und, als Demokrat, bestenfalls mit beiden reden, weil sie vielleicht ja doch einen Punkt haben. Außerdem ist es unfair und undemokratisch, eine 20%-Partei in ihrer parlamentarischen Arbeit zu behindern und ihnen ihrer Partei zustehende Posten zu verweigern oder Gesetze und Regeln so elegant hinzubiegen, dass sie keine Chance haben, für das Geld, das sie auch von ihren Wählern bekommen, Ihren Job zu machen. Unser Grundgesetz (dessen Hochhalten in Corona bereits bestraft wurde) sieht keine „guten“ und „schlechten“ Wählerstimmen vor. Es gibt schlicht keine Abstufung. Vance hat nichts anderes gesagt als seinerzeit Gorbatschow zu den Betonköpfen im Politbüro: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“. Wer sich nicht um die Anliegen von mindestens 20% - eigentlich aber sogar mehr als 50% aller Wähler kümmert (ja, wir reden hier von illegaler Migration und Union und AfD gemeinsam), der darf sich dann auch nicht wundern, wenn die eigene, überhebliche Arroganz gegenüber dem Wahlvolk, das die ganze Butze finanziert, zur eigenen Abwahl führt. Es ist das tiefste Wesen einer Demokratie, dass es keinen Adel und keine Kaste gibt und das Volk seine Regierungen bei Nichtbeachtung abwählen und einer neuen Regierung eine neue Chance geben kann, darf, soll und – im Eigeninteresse – sogar muss. Nichts anderes hat Vance versucht, seinen europäischen Gesprächspartnern, die nun gemeinsam mit den ihnen gewogenen Medien aufgeregt flügelschlagend umeinanderkreisen, klarzumachen. Und als Antwort bekommt er – und wir – unter dem Strich die gleiche Antwort, die seinerzeit Honecker gab: „Unsere Demokratie in ihrem Lauf halten weder Trump noch Vance auf“. Flankiert von dem üblichen Gesülze von Trump als Sith-Lord mit Musk und Vance als böse Palatine. Die glauben das wirklich! Außerdem hat Vance mit Weidel und Merz gesprochen. GESPROCHEN! Sie haben richtig gelesen. Die Amerikaner haben glasklar erkannt, dass mit der EU und den Wichtigtuern der deutschen Regierungsparteien schlicht „kein Staat“ zu machen ist. „America first“ heißt auch „Europe second“ und die Rede von Vance und die Reaktionen darauf haben tatsächlich gezeigt, mit welchen eitlen und wichtigtuerischen Wichten wir es in „unserer Demokratie“ zu tun haben. Wird sich aber nun etwas ändern? Natürlich nicht. Die europäischen Kleinmächte mit ihren zappeligen Demokratieminderleistern werden sich einigeln und hoffen, dass die nächsten vier Jahre Trump und dann vielleicht vier Jahre Vance an ihnen wie ein Gewittersturm vorüberziehen werden. An uns als Wählern liegt es, ob dies so sein wird.

Haben Sie die Bilder gesehen? Robert Habeck hat eines verbreitet, Olaf Scholz ein anderes. Robert Habeck war nämlich in Auschwitz. Aber nur als Besucher. Olaf Scholz auch, auch als Tourist. Auf dem Bild Robert Habecks sieht man ihn aus der Rückenansicht, wie er zwischen einem Gebäude (dem Krematorium?) und zwei Stacheldrahtzäunen, ganz allein, fast einsam, entlangflaniert. Das ganze Bild, in einen orangen Filter getaucht, erinnert stark an die „Jever“-Werbung. Ein Mann. Seine Gedanken. Ein KZ. Veröffentlicht hat Robert Habeck das Bild auf X mit dem Untertext: „Heute, am 80. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz, habe ich in Polen das Stammlager I und später das Konzentrations- und Vernichtungslager in Auschwitz-Birkenau besucht. Neben dem offiziellen Teil gab es auch ein paar Momente allein. Ich brauche dazu nichts zu sagen, denke ich.“ Ein paar Momente. Allein. Robert Habeck mit sich selbst. Und dem Kameramann. Und den Personenschützern. Möglicherweise auch mit seinem Social-Media-Team und seinem Wahlkampfteam. Aber allein. Hauptsache allein. Mit seinen Gedanken. Und die teilt er mit, indem er sie nicht mitteilt. So isser, unser Robert, gell? So ein eigentlich stiller, besinnlicher und, ja, auch tief philosophischer Typ. Ich kann mich nicht gegen meine Phantasie wehren. Ich sehe mich mit Robert Habeck und seinem Team da, in dieser Todesgasse stehen und das, was wie ein Schnappschuss – welch grässliches Wort in einem Konzentrationslager – aussieht, inszenieren: „Robert, wir machen das von hinten. Wie in der Werbung. Geh ein paar Schritte nach da. Nicht umdrehen, Robert, NICHT UMDREHEN, HERRGOTT, ja, so isses gut, Stimmt das Licht, Malte? Klasse. Nicht so weit weg, Robert, es muss zufällig aussehen und wir können das Stativ und das Licht nicht hinter Dir hertragen. Geh nochmal so… JA, PASST, IS IM KASTEN! Super Robert, das wird ein Kracher!“ Ein Hauch von Bierwerbung weht durch das Bild: Wie das KZ, so das Jever. Ich weiß nicht, ob er oder Olaf Scholz schneller war, unser Kanzler ließ sich von hinten insze… fotografieren, wie er vor einem der Öfen im Krematorium steht. Mittig. Im gedämpften Licht. Besinnlich und sich besinnend. Ob er da ein Gebet gesprochen hat? Man weiß es nicht, aber die Bildkomposition ist sehr schön, sehr symmetrisch. Da hat das Fotografierende gut mitgedacht. Diesen beiden Typen ist das vielleicht grausigste und grausamste Vernichtungslager der Welt nicht zu schade, um sich zu Wahlkampf- und Eigendarstellungszwecken optisch hübsch in Szene zu setzen, um einen auf „besinnlich“ zu machen. Das, was vor Ort passiert ist, wo Menschen verprügelt, verreckt und schlussendlich vergast wurden, wird heute von ganz aufrecht unserdemokratischen Politikern zur Gruselkulisse für nicht hässliche Bilder, zum „Auschwitzland“ für professionelles Trauern herabgewürdigt. Wahres und echtes Gedenken braucht keine Pressefotografen, sondern Ruhe und Geschichtsbewusstsein, was ich mit einem Pulk von Fotografen, Security und Begleitentourage für höchst schwierig halte. Beide Bilder haben einen bitteren Beigeschmack von „Halloho? Ich trauere und bin nachdenklich! Seht Ihr, wie ich trauere? Seht Ihr es? Kinners, hierher, ich trauere! Guck, da der Ofen, da der Stacheldraht, schrecklich. Soll ich nochmal im Halbprofil…?“ Es gibt vielleicht noch eine Handvoll Leute, die aus Auschwitz entkommen und bewusst erzählen können, wie es war und auch sie werden bald gestorben sein. Wer als 10-jähriger da hinkam und überlebte, ist spätestens 1935 geboren und heute 90 Jahre alt. In zehn bis zwanzig Jahren wird die Erinnerung an den Holocaust nur noch virtuell in Filmen und Literatur gegenwärtig sein, da es keine Zeitzeugen mehr gibt, die das Monströse dieses Ortes aus eigener Anschauung vermitteln können. Dann wird Auschwitz endgültig zur Gedenkkulisse von Politikern herabgewürdigt werden, wenn die Museumsleitung hier nicht eingreift. Eigentlich sollte auf dem gesamten Gelände ein Fotografier-Verbot herrschen. Auch und besonders für Politiker. Das ist kein Ort, um Besinnlichkeit zu heucheln und publikumswirksame Bilder zu schießen. Oder lustige Selfies für Instagram und Tiktok zu machen. Was kommt als Nächstes? „My friends went to Auschwitz and all I got was this lousy T-Shirt“? Das ist Auschwitz. Der Ort eines der größten Verbrechen der Menschheit. Ein Ort, an dem Täter zu viehischen Barbaren und Opfer zur vernichtbaren Objekten herabgewürdigt wurden. Ein Ort, gegen den die Hölle ein angenehmer Platz sein muss. Ein Ort, an dem es keine Moral und keine Menschlichkeit mehr gab. Und an diesem Ort standen zwei Politiker in guter Ausleuchtung und simulierten Anteilnahme. Dann reisten sie wieder ab und beschlossen, noch mehr Judenhasser ins Land zu lassen. Es widert mich nur noch an.


