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Leben mit Klaus

Thilo Schneider • 21. August 2019

...so ein Staubsauger ist auch nur ein Mensch

Wir hatten eine hübsche kleine Summe an „Hochzeitsgeld“ bekommen und so überlegten meine Ex-Freundin und ich, was wir uns Hübsches dafür leisten könnten. Was schwierig ist, wenn man so ziemlich alles hat, was man eigentlich auch nicht braucht. Und wie das in Diskussionen so üblich ist, meinte die beste Ex-Freundin, wir könnten uns doch für einen Monat eine Putzfrau einstellen, was ich aber nicht so gut fand, denn immerhin sind wir jetzt verheiratet, da gebe ich doch kein Geld für eine Putzfrau aus. Allerdings lehnte auch Sie meine kompromissfähige Idee einer Nacktputze rundheraus ab, es sei denn, die Nacktputze sei entweder männlich und unter 30 Jahre alt oder weiblich und weit jenseits der 60 Lenze. Nun, in einer guten Ehe muss man einen Konsens finden: Wir einigten uns deshalb auf einen Saugroboter.

Wir sind also brav in den Elektronikmarkt gefahren und haben uns dort beraten lassen (ich hatte eine Roboterstimme simuliert und „Wir! Suchen! Einen! Saugroboter!“ gesagt, weil ich das irre witzig fand, was der Verkäufer mit einem Gähnen quittierte) und haben da unseren Roboter gefunden: Schwarz. Glänzend. Chic. Stylish. Aggressiv. Gummibürsten. Staubsichtfenster. Kameras. Fühler. Sensoren. App-Steuerung. Kurz: Ein echtes Höllenteil! Quasi der Dacia-Duster unter den Saugrobotern. Diese Art Roboter untersucht den Mars nach extraterrestrischem Leben. Und zerstört es sofort und erbarmungslos, wenn sie es gefunden hat.

Zu Hause packten wir das Teil dann aus, bewunderten und streichelten es und tauften es zu Ehren eines unserer Trauzeugen auf den Namen Klaus. Wir richteten Klaus ein Eckchen in unserem Wohnzimmer ein, wo er es gemütlich hat und in Ruhe aufladen kann und von wo er einen guten Blick auf den Fernseher hat und in der Nähe des WLAN-Routers steht. Meine Frau witzelte noch, ob sie ihm auch ein Schälchen Milch hinstellen solle, aber man kann es auch übertreiben, fand ich. Sie hat sich dann die Steuerungssoftware aufs Handy gezogen und wir sind ins Bett gegangen und sie hat Klaus quasi vom Schlafzimmer aus auf seine reinigende Reise durch unsere Wohnwelt geschickt.

Ich bin mit Elektrogeräten aufgewachsen. Meine früheste Erinnerung als Kind an mein quasi erstes Elektronikgerät ist die Wäscheschleuder meiner Großmutter. Man füllte oben nasse Wäsche ein, klappte den Deckel zu und dann wackelte und strampelte und schaffte das Ding, bis irgendwann unten Wasser heraus- und in einen Eimer floss. Ich habe als Dreijähriger viele kurzweilige Minuten auf dem Deckel des Todesschleuderers verbracht, der unter mir schnaufte und bockte wie ein wilder Hengst, bis mich meine Großmutter immer wieder herunterscheuchte. Wahrscheinlich hatte sie Angst, ich falle durch den Deckel und werde zu Tode geschleudert, bis das Blut in den Eimer fließt. Später habe ich meine Eltern in die Wunder der Videorecorderprogrammierung eingewiesen, damit mein Vater Fußballspiele, deren Ergebnis bereits bekannt war, abends noch einmal in voller sinnloser Länge sehen konnte. Anscheinend hatte er die Hoffnung, er würde ein Tor sehen, das allen anderen entgangen war. Ein wirklicher Optimist war er, mein Vater. Ich hatte eines der ersten Funktelefone, den ersten Gameboy und heute habe ich einen voll verkabelten und verstrahlten Haushalt, in dem ich mit meinem Handy sogar die verdammte Heizung regulieren kann. Ich hatte und habe also keine Angst vor Elektrogeräten.

Bis heute.

Klaus ist extrem leise. Unsicher, ob er gestartet ist, gehe ich ins Wohnzimmer. Es ist dunkel. Nur Klaus ist unterwegs, summt leise vor sich hin und blinkt und tut das, was er auch tun soll. Er saugt. Als ich das Wohnzimmer betrete, verschwindet er gerade unter der Couch. Funktioniert. Ich gehe wieder ins Bett zurück.

Nennt mich paranoid. Aber der Gedanke, einzuschlafen, während Klaus das Wohnzimmer saugt, gefällt mir nicht. Da bewegt sich ja was in der Wohnung. Klaus auf seiner einsamen Reise durch die Nacht. Staub suchend. Saugend. Schnüffelnd. Meine Haare und die meiner Familie in seinen gierigen Schlund schaufelnd. Meine Brotkrümel schluckend. Ich soll schlafen, während mein elektronischer Sklave die Arbeit tut. Dafür habe ich ihn schließlich auf dem Haushaltssklavenmarkt gekauft. Ich habe ein schlechtes Gewissen. Ich beute eine Maschine aus. So ein Staubsaugerroboter ist ja keine Spülmaschine. Eine Spülmaschine schleicht sich nicht nachts durch die Gegend in die dunklen Ecken. Glaube ich jedenfalls.

Klaus hat eine Lernsensorik. Er vermisst das Wohnzimmer, merkt sich, wo die Ecken und Kanten und Möbel sind. Wo die Tür ist. Klaus krabbelt nachts durch mein Wohnzimmer und prägt sich alles ein. Merkt es sich. Entwirft sich einen Reinigungsplan. Während ich schlafe, ist Klaus aufmerksam bei der Arbeit. Und so schlafe ich mit dem unguten Gefühl, ausspioniert zu werden, ein. Und träume von Klaus. Wie er es irgendwie geschafft hat, die Wohnzimmertüre zu öffnen, sich bis vor die Schlafzimmertüre zu saugen und mit drohendem Fump! Fump! an der Türe Einlass fordert. Weil er saugen will. Mit seinen scharfen Zähnen und dem Sägeblatt. Wie er schließlich mit einem Krachen die Türe durchbricht. Und saugt. Und saugt. Und saugt. Wie meine Frau und ich ängstlich auf dem Bett kauern, während Klaus das Sägeblatt ausfährt und die Beine des Bettes absägt, um an uns heranzukommen. Und uns aufzusaugen. Und plötzlich finde ich die Idee mit dem Schälchen Milch am Aufladeplatz gar nicht mehr so abwegig. Etwas rohes Fleisch wäre vielleicht auch nicht schlecht!

Ich wache schweißgebadet morgens auf. Meine Frau ist weg. Nicht da. Aus dem Wohnzimmer höre ich ihre Stimme: „Das hast Du fein gemacht. Braver Roboter. Braver Klaus. Alles voll!“ Ich muss dazu sagen, dass sie vierzehn Jahre jünger als ich ist und noch einmal ein ganz anderes Verhältnis zu Elektronik als ich hat. Und sie hat von Steven King nur „Es“, „Feuerkind“, „Christine“ und „Cujo“ gelesen. Und gar nichts von Asimov! Erst recht keine Robotergesetze. Sie ist also recht ahnungslos, was diese Dinge angeht. Und ich habe Angst, dass das bei dem Programmierer von Klausis Software auch so gewesen sein könnte. Bevor ich zu ihr gehen und sie fragen kann, ob sie irre geworden ist, hörte ich Klaus summen und schnurren. Entweder freut er sich über das Lob oder er geht auf sie los. „Was ist los?“, brülle ich aus dem Bett. „Ich lasse ihn jetzt den Flur, die Gästetoilette und das Schlafzimmer saugen!“, brüllt sie zurück und dann höre ich Klaus auch schon, wie er sich anschleicht.

Eine Sache zu ahnen, ist eine Sache. Eine Sache zu sehen, ist eine ganz andere Sache. Klaus steht zuerst etwas unentschlossen an der Schlafzimmertüre und blinkt mich überrascht an. Anscheinend hat er nicht damit gerechnet, mich um diese Uhrzeit noch im Bett zu finden. Er scheint zu überlegen, dann gibt er sich einen kleinen Ruck und fährt über die niedrige Bodenschwelle, die das Schlafzimmer vom Flur trennt. Er fährt hin und fährt her, saugt friedlich und ignoriert mich. Absichtlich, wie mir scheint. So, als wäre ich Luft für ihn. Es ist offensichtlich, dass mich der verdammte Roboter mit seiner Verachtung provozieren will. Ich springe aus dem Bett und gebe ihm einen kleinen Tritt, was er mit einem entsetzten Quietschen quittiert. „Was ist los?“, brüllt diesmal meine Frau, diesmal aus dem Badezimmer. „Nichts“, gebe ich nicht ganz ehrlich zurück, „er saugt und ist wohl hängengeblieben!“ Tatsächlich steht Klaus ruhig vor dem Spiegel und blinzelt mit den Sensoren und blitzt mich mit einer Mischung aus Verblüffung und ja – ich meine, auch Zorn und Hass – an.

Er beobachtet mich, ich beobachtet ihn. Da ein Wesen mit Gefühlen, Sehnsüchten und Träumen – dort ein spätmittelalter Mann, der Schiss vor einem neuen Haushaltsgerät hat. Ein ungleicher Kampf. Klaus fiept kurz und saugt sich demonstrativ vor meine Seite des Bettes, als wollte er sagen: „Erst hole ich Deine Hautschuppen – dann Dich!“ Ich bin Unternehmer, ich erkenne feindliches Verhalten! Den kleinen Ikea-Flokati schiebt er verächtlich zur Seite und frisst ein Cent-Stück, das mir wohl aus der Hosentasche gefallen ist. Es verschwindet mit einem lauten Klackern unter seiner Stahlhaut und halb erwartete ich, dass er mich gleich mit kleinen Cent-Splittern perforiert. Entsetzt frage ich mich, was er wohl tun würde, wenn er über einen unvorsichtigen Hamster fährt. Nicht schön.

Ich stehe auf und mache mich im Badezimmer fertig, während Klaus unter dem Bett herumkriecht und den Dreck zusammensammelt. Ich treffe mich dann mit meiner Exfreundin und Neufrau auf dem Balkon zum Frühstück. „Funktioniert super“, meint sie fröhlich, „der saugt besser und akkurater als Du“, sagt sie auch und das hört sich für mich furchtbar falsch an. Ich bin ein sehr guter Sauger und es hatte sich noch niemand unserer Gäste über zu viel Staub auf dem Boden beschwert. Zumindest nicht bei mir. Es ist nicht schön, von einem Elektrogerät den Rang quasi abgesaugt zu bekommen. „Nun, schön, dass Du zufrieden bist“, sagte ich vorsichtig und schließe sicherheitshalber die Türen zu Schlafzimmer und Küche, damit Klaus nicht mithören kann, „aber ich finde, dass Du ihn etwas zu sehr vermenschlichst, wenn Du ihn lobst. Das ist nur ein simples Elektronikgerät, quasi ein Haushaltssklave, der einfach nur saugt. Willst Du vielleicht mit ihm auch noch Gassi gehen?“ Sie sieht mich halb belustigt und halb beleidigt an: „Ach was, das ist doch witzig. Deswegen haben wir ihm doch einen Namen gegeben.“

Das ist es also. Das ist der Schlüssel. Statt dass der Staubsauger einfach nur ein moderner Staubsauger ist, ist er jetzt der Klaus, the Dustkillermachine. „Du würdest ihn streicheln, wenn er ein Fell hätte, was?“, knurre ich zornig. Sie lächelt: „Dazu braucht er kein Fell, das habe ich heute Morgen schon erledigt!“ Ich bin entsetzt. Und verletzt. „Vielleicht hättest Du lieber ihn heiraten sollen, wenn er so gut saugt“, gebe ich übellaunig zurück. „Wenigstens quatscht er mich morgens beim Frühstück nicht blöd von der Seite an“, kontert sie. Das finde ich gemein. Außerdem weiß sie das noch nicht. Klaus frühstückt ja nicht mit uns. Und wenn, dann schluckt er nur Staub. Und mein Kleingeld. Das ist natürlich insgesamt schlecht. Wir bekommen uns wegen eines Staubsaugers in die Staubwolle. Das Übelste seit Loriots „es saugt und bläst der Heinzelmann, wo Mutti sonst nur blasen kann“ (oder so). Ich beschließe, zu deeskalieren: „War doch nur ein Scherz.“ Meine Gattin schnaubt verächtlich und blickt auf ihr Handy. „Er ist jetzt fertig mit dem Schlafzimmer und saugt jetzt im Flur“, stellt sie sachlich fest. So etwas hat sie jedenfalls zu mir noch nie gesagt. „Hat er mir eben auf der App angezeigt“, fügt sie hinzu und ich habe den Verdacht, dass der buchstäbliche Drecksack ihr vielleicht noch ein- zwei Herzchen-Emoticons mit dazu geschickt hat. „Ich hasse das Ding“, entfährt es mir.

Meine Noch-Frau sieht mich entgeistert an: „Du hasst ein Haushaltsgerät? Bist Du noch bei Trost? Ich liebe das Teil!“ In diesem Moment trifft mich die Erkenntnis wie ein Schlag: Sollte ich die beste Frau von allen jemals vor die Wahl „Klaus oder ich“ stellen, ist nicht mehr sichergestellt, dass die Entscheidung eindeutig zu meinen Gunsten ausfällt. Ich muss Gegenmaßnahmen ergreifen. Schnell.

Und als Sie dann abends nach Hause kommt, habe ich eine Überraschung für sie: Neben Klaus´s Ladestation steht jetzt Nina. Der Wischroboter aus dem gleichen Hause. Ich mag Nina. Sie ist weicher, sanfter und hat gerundete Kanten. Sie sieht gut aus. Wie meine Frau. Einträchtig laden Klaus und Nina seitdem nebeneinander auf und ich habe das Gefühl, Nina hat auf Klaus einen guten Einfluss. Er ist seitdem weniger ruckartig unterwegs und fährt nicht mehr so zornig und aggressiv um Hindernisse herum. Ein-, zwei Mal die Woche lassen wir sie im Flur gemeinsam um die Wette reinigen, dann umkurven sie sich und kokettieren wie zwei Liebende. Ich mag Nina. Sie wischt feucht und kann auch im Badezimmer eingesetzt werden. Sie fährt wild kreuz und quer und kümmert sich buchstäblich einen feuchten Kehricht um Reinigungspläne und wenn sie Wasser braucht, dann stößt sie ein charmantes kleines Röcheln und manchmal auch ein Dampfwölkchen aus. Richtig lieb! Wie ich! Auch, wenn mich gelegentlich das Gefühl beschleicht, ich könnte die beiden Turtelroboter eines Nachts in flagranti erwischen, wenn sie sich unbeobachtet von Menschen glauben.

Unser Zusammenleben hat sich seither nicht nur verbessert, die Wohnung ist auch sauberer denn je. Sonntags schauen wir alle gemeinsam einen Film an. „KI“ und „I Robot“, was Maschinen eben gerne sehen. Es ist sehr harmonisch. Das einzige, was mir nicht gefällt, sind die eifersüchtigen Blicke, die meine Frau gelegentlich auf Nina richtet. Ich habe so den leichten Eindruck, als gönne sie Klaus die Ablenkung nicht und tatsächlich wirkt er gelegentlich etwas unkonzentriert, wenn Nina neben ihm und um ihn herum arbeitet.

Was natürlich Quatsch ist. Es sind schließlich nur Haushaltsgeräte, keine Menschen. Das erkläre ich Nina auch immer wieder. Wenn sie sich mit einem fröhlichen Fiepen einschaltet und im Bad um mich herumwischt. Nett, vorsichtig und respektvoll. Wie sich das für einen hübschen Haushaltsroboter gehört. Vielleicht gehen wir zusammen mal aus, ins Kraftwerk oder so oder ich spendiere ihr eine große Ladung Starkstrom. Nur habe ich das Gefühl, dass mein ehemaliges Lieblingsgerät Susi, die Kaffeemaschine, langsam sauer wird, weil sie nicht mehr so beachtet wird. Der Kaffee schmeckt nämlich in letzter Zeit nach Mandeln…

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Ist das nicht süß? Wirklich zuckersüß, wie sie jetzt alle springen, tanzen und singen? Da kommt so ein Ami aus Amirika zur Münchner Sicherheitskonferenz und hält den bei Häppchen und Sekt versammelten grauen Köpfen der europäischen Nomenklatura einen 20-minütigen, freien und fehlerlosen Vortrag über Demokratie und Mehrheiten, verzwergt seine Zuhörer und deklassiert sie und landauf landab fliegen die geohrfeigten Köpfe der Brandmaurer. Da stellt sich dann ausgerechnet ein ausgebildeter Neo-Sozialist wie der Bundespräsident, der vor nicht einmal 12 Monaten den amtierenden Präsidenten der USA als „Hassprediger“ abgekanzelt hat, hin und verbittet sich eine Einmischung der Amerikaner in die lautere und tadellose Demokratie der Schwachkopf-Anzeiger, „So-Done“-Betreiber und Morgens-aus-dem-Bett-Klingler. Da sind sie alle ganz aufgeregt, die, die nicht müde wurden, zu beteuern, dass mit Donald Trump das absolut Böse ins Weiße Haus einziehen wird. Die den altersschwachen Joe Biden zu einem stolzen Führer der freien Welt mit dem absoluten Überblick verklärten, um gleich anschließend Kamala Harris zu einer Lichtgestalt zu verklären, die den Heiligenschein Jesu um Milliarden Lux überstrahlte. Diese Politiker und Medien beschweren sich nun wie mit der Hand in der Keksdose ertappte Kinder über eine Rede, die ihnen, den Führern des Wertewestens und des freiesten und buntesten und diversesten Europas, das es je seit der Belagerung Konstantinopels gab, die demokratischen Leviten liest. Witzig – während ich diese Zeilen schreibe, lese ich auf X, dass der Rechtsanwalt Markus Roscher zu 3.000,- € Geldstrafe verurteilt wurde, weil er in einem Tweet Habeck, Scholz und Baerbock für das Heizungsgesetz als „boshafte Versager“ bezeichnet hat. Sein Waffenschein steht nun wegen „Unzuverlässigkeit“ ebenfalls zur Diskussion. Außerdem muss er im „Wiederholungsfall“ – nämlich, dass er die Genannten „in ihrem öffentlichen Wirken erheblich beeinträchtigt“ – damit rechnen, dass ihm der Entzug seiner Anwaltslizenz droht. Außerdem wurde er gewarnt, dass er im Einspruchsverfahren mit einer noch höheren Geldstrafe rechnen müsste. Sieht so die Meinungsfreiheit „unserer Demokratie“ aus? Das exakt ist es, was Vance mit seiner Rede gemeint hat. Und was unsere Politisierenden und die geneigten Medien vehement und ganz wehrhaft mit wedelnden Armen abstreiten. „Keine Meinungsfreiheit? Stimmt ja gar nicht! Halt die Fresse!“ Ich mag die AfD nicht. Ich finde sie zu wenigstens 60% ganz schrecklich, weil da auch ganz schreckliche Leute mitmachen, deren Stammtische ich schon in Jugendtagen gemieden habe, obwohl es die da noch gar nicht gab. Das spielt in einer Demokratie aber keine Rolle, wen ich mag oder nicht mag. Ich persönlich finde Grüne und Linke noch viel schrecklicher, radikaler und ja – auch gewalttätiger. Erst recht, wenn sie 1933 als Rechtfertigung für Zerstörung und Körperverletzung als Alibi heranziehen. Aber ebenso, wie ich die Einen ertragen muss, muss ich auch die anderen ertragen. Und, als Demokrat, bestenfalls mit beiden reden, weil sie vielleicht ja doch einen Punkt haben. Außerdem ist es unfair und undemokratisch, eine 20%-Partei in ihrer parlamentarischen Arbeit zu behindern und ihnen ihrer Partei zustehende Posten zu verweigern oder Gesetze und Regeln so elegant hinzubiegen, dass sie keine Chance haben, für das Geld, das sie auch von ihren Wählern bekommen, Ihren Job zu machen. Unser Grundgesetz (dessen Hochhalten in Corona bereits bestraft wurde) sieht keine „guten“ und „schlechten“ Wählerstimmen vor. Es gibt schlicht keine Abstufung. Vance hat nichts anderes gesagt als seinerzeit Gorbatschow zu den Betonköpfen im Politbüro: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“. Wer sich nicht um die Anliegen von mindestens 20% - eigentlich aber sogar mehr als 50% aller Wähler kümmert (ja, wir reden hier von illegaler Migration und Union und AfD gemeinsam), der darf sich dann auch nicht wundern, wenn die eigene, überhebliche Arroganz gegenüber dem Wahlvolk, das die ganze Butze finanziert, zur eigenen Abwahl führt. Es ist das tiefste Wesen einer Demokratie, dass es keinen Adel und keine Kaste gibt und das Volk seine Regierungen bei Nichtbeachtung abwählen und einer neuen Regierung eine neue Chance geben kann, darf, soll und – im Eigeninteresse – sogar muss. Nichts anderes hat Vance versucht, seinen europäischen Gesprächspartnern, die nun gemeinsam mit den ihnen gewogenen Medien aufgeregt flügelschlagend umeinanderkreisen, klarzumachen. Und als Antwort bekommt er – und wir – unter dem Strich die gleiche Antwort, die seinerzeit Honecker gab: „Unsere Demokratie in ihrem Lauf halten weder Trump noch Vance auf“. Flankiert von dem üblichen Gesülze von Trump als Sith-Lord mit Musk und Vance als böse Palatine. Die glauben das wirklich! Außerdem hat Vance mit Weidel und Merz gesprochen. GESPROCHEN! Sie haben richtig gelesen. Die Amerikaner haben glasklar erkannt, dass mit der EU und den Wichtigtuern der deutschen Regierungsparteien schlicht „kein Staat“ zu machen ist. „America first“ heißt auch „Europe second“ und die Rede von Vance und die Reaktionen darauf haben tatsächlich gezeigt, mit welchen eitlen und wichtigtuerischen Wichten wir es in „unserer Demokratie“ zu tun haben. Wird sich aber nun etwas ändern? Natürlich nicht. Die europäischen Kleinmächte mit ihren zappeligen Demokratieminderleistern werden sich einigeln und hoffen, dass die nächsten vier Jahre Trump und dann vielleicht vier Jahre Vance an ihnen wie ein Gewittersturm vorüberziehen werden. An uns als Wählern liegt es, ob dies so sein wird.
von Thilo Schneider 2. Februar 2025
Haben Sie die Bilder gesehen? Robert Habeck hat eines verbreitet, Olaf Scholz ein anderes. Robert Habeck war nämlich in Auschwitz. Aber nur als Besucher. Olaf Scholz auch, auch als Tourist. Auf dem Bild Robert Habecks sieht man ihn aus der Rückenansicht, wie er zwischen einem Gebäude (dem Krematorium?) und zwei Stacheldrahtzäunen, ganz allein, fast einsam, entlangflaniert. Das ganze Bild, in einen orangen Filter getaucht, erinnert stark an die „Jever“-Werbung. Ein Mann. Seine Gedanken. Ein KZ. Veröffentlicht hat Robert Habeck das Bild auf X mit dem Untertext: „Heute, am 80. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz, habe ich in Polen das Stammlager I und später das Konzentrations- und Vernichtungslager in Auschwitz-Birkenau besucht. Neben dem offiziellen Teil gab es auch ein paar Momente allein. Ich brauche dazu nichts zu sagen, denke ich.“ Ein paar Momente. Allein. Robert Habeck mit sich selbst. Und dem Kameramann. Und den Personenschützern. Möglicherweise auch mit seinem Social-Media-Team und seinem Wahlkampfteam. Aber allein. Hauptsache allein. Mit seinen Gedanken. Und die teilt er mit, indem er sie nicht mitteilt. So isser, unser Robert, gell? So ein eigentlich stiller, besinnlicher und, ja, auch tief philosophischer Typ. Ich kann mich nicht gegen meine Phantasie wehren. Ich sehe mich mit Robert Habeck und seinem Team da, in dieser Todesgasse stehen und das, was wie ein Schnappschuss – welch grässliches Wort in einem Konzentrationslager – aussieht, inszenieren: „Robert, wir machen das von hinten. Wie in der Werbung. Geh ein paar Schritte nach da. Nicht umdrehen, Robert, NICHT UMDREHEN, HERRGOTT, ja, so isses gut, Stimmt das Licht, Malte? Klasse. Nicht so weit weg, Robert, es muss zufällig aussehen und wir können das Stativ und das Licht nicht hinter Dir hertragen. Geh nochmal so… JA, PASST, IS IM KASTEN! Super Robert, das wird ein Kracher!“ Ein Hauch von Bierwerbung weht durch das Bild: Wie das KZ, so das Jever. Ich weiß nicht, ob er oder Olaf Scholz schneller war, unser Kanzler ließ sich von hinten insze… fotografieren, wie er vor einem der Öfen im Krematorium steht. Mittig. Im gedämpften Licht. Besinnlich und sich besinnend. Ob er da ein Gebet gesprochen hat? Man weiß es nicht, aber die Bildkomposition ist sehr schön, sehr symmetrisch. Da hat das Fotografierende gut mitgedacht. Diesen beiden Typen ist das vielleicht grausigste und grausamste Vernichtungslager der Welt nicht zu schade, um sich zu Wahlkampf- und Eigendarstellungszwecken optisch hübsch in Szene zu setzen, um einen auf „besinnlich“ zu machen. Das, was vor Ort passiert ist, wo Menschen verprügelt, verreckt und schlussendlich vergast wurden, wird heute von ganz aufrecht unserdemokratischen Politikern zur Gruselkulisse für nicht hässliche Bilder, zum „Auschwitzland“ für professionelles Trauern herabgewürdigt. Wahres und echtes Gedenken braucht keine Pressefotografen, sondern Ruhe und Geschichtsbewusstsein, was ich mit einem Pulk von Fotografen, Security und Begleitentourage für höchst schwierig halte. Beide Bilder haben einen bitteren Beigeschmack von „Halloho? Ich trauere und bin nachdenklich! Seht Ihr, wie ich trauere? Seht Ihr es? Kinners, hierher, ich trauere! Guck, da der Ofen, da der Stacheldraht, schrecklich. Soll ich nochmal im Halbprofil…?“ Es gibt vielleicht noch eine Handvoll Leute, die aus Auschwitz entkommen und bewusst erzählen können, wie es war und auch sie werden bald gestorben sein. Wer als 10-jähriger da hinkam und überlebte, ist spätestens 1935 geboren und heute 90 Jahre alt. In zehn bis zwanzig Jahren wird die Erinnerung an den Holocaust nur noch virtuell in Filmen und Literatur gegenwärtig sein, da es keine Zeitzeugen mehr gibt, die das Monströse dieses Ortes aus eigener Anschauung vermitteln können. Dann wird Auschwitz endgültig zur Gedenkkulisse von Politikern herabgewürdigt werden, wenn die Museumsleitung hier nicht eingreift. Eigentlich sollte auf dem gesamten Gelände ein Fotografier-Verbot herrschen. Auch und besonders für Politiker. Das ist kein Ort, um Besinnlichkeit zu heucheln und publikumswirksame Bilder zu schießen. Oder lustige Selfies für Instagram und Tiktok zu machen. Was kommt als Nächstes? „My friends went to Auschwitz and all I got was this lousy T-Shirt“? Das ist Auschwitz. Der Ort eines der größten Verbrechen der Menschheit. Ein Ort, an dem Täter zu viehischen Barbaren und Opfer zur vernichtbaren Objekten herabgewürdigt wurden. Ein Ort, gegen den die Hölle ein angenehmer Platz sein muss. Ein Ort, an dem es keine Moral und keine Menschlichkeit mehr gab. Und an diesem Ort standen zwei Politiker in guter Ausleuchtung und simulierten Anteilnahme. Dann reisten sie wieder ab und beschlossen, noch mehr Judenhasser ins Land zu lassen. Es widert mich nur noch an.