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Auf großer Fahrt mit der "Deutschland"
Thilo Schneider • 27. April 2020
...wohin der Wind uns wehen mag...

Stellen Sie sich – natürlich derzeit rein theoretisch – vor, Sie würden eine Kreuzfahrt machen. Sie haben gebucht und brav den Reisepreis bezahlt und als Sie morgens zum Frühstück wollen, erreicht Sie über Lautsprecher eine Durchsage: „Liebe Passagiere. Wir haben einen Notfall. Bitte bleiben Sie in ihrer Kabine.“ Ende der Durchsage.
Welche Maßnahme würde es rechtfertigen, dass wie auf der „Santa Maria“ die Rationen gekürzt werden? In diesem Moment spüren Sie auch, dass das Schiff gestoppt hat und hören das Rasseln der Ankerketten. Es bewegt sich nichts mehr. Positiv: Sie stellen fest, dass sich die Lage des Schiffes selbst nicht verändert. Sie scheinen nicht zu sinken - wenigstens noch nicht. Das Schiff liegt stabil. Als Ihnen ein Stewart das leckere Mittagessen, bestehend aus einem wässrigen Linseneintopf, bringt, fragen Sie erneut nach. Sie wollen wissen, wie die Sachlage ist, wann der Notfall endet und ob Sie helfen können. Sie erhalten, in dieser Reihenfolge, folgende Auskunft: „Wir haben eine unangenehme Situation an Bord, wir geben Bescheid, wenn diese beendet ist, bitte bleiben Sie so lange in Ihrem eigenen Interesse in der Kabine, damit helfen Sie uns am Meisten.“
Jeden von uns wird eine derartige Lage früher oder später zuerst in Unbehagen, später in Panik versetzen. Das Schiff liegt still, Ihre Informationen sind rudimentär, Sie müssen sich darauf verlassen, dass der Kapitän des Schiffs weiß, was er tut. Gesichert ist, dass der Notfall so groß ist, dass Sie in Ihrer Bewegungsfreiheit gehemmt sind und dass es weder vorwärts noch rückwärts geht. Abends erklärt Ihnen der Stewart, dass der Kapitän beschlossen hat, Ihnen und den anderen Passagieren etwas Bewegungsfreiheit zu geben. Sie dürfen eine Stunde auf das Unterdeck, wenn Sie eine Schwimmweste tragen und sich nicht mit anderen Passagieren unterhalten. Von dem Angebot machen Sie natürlich Gebrauch und die Gerüchteküche brodelt. Sie reden selbstverständlich doch mit den anderen Passagieren. Die überwiegende Mehrheit geht davon aus, dass sie sich auf einem Seuchenschiff befindet und der komplette Kahn unter Quarantäne gestellt wurde. Wo Sie sind und wie lange Sie dort sein werden, wissen Sie nicht. Sie können nur vermuten. Nebenbei erfahren Sie auch noch, dass einige Passagiere den Pool auf dem Achterdeck nutzen dürfen, Sie hingegen nicht. Weil Ihr Weg zum Pool weiter ist.
Spätestens nach einer Woche sind nicht nur Sie, sondern auch die anderen Passagiere weichgekocht. Auf dem Unterdeck finden sich Grüppchen, die ganz offen eine Meuterei fordern. Die „endlich wissen wollen, was hier los ist“ und wann das Schiff wieder Fahrt aufnimmt – oder die Passagiere evakuiert werden. Der Kapitän tritt in Begleitung bewaffneter Crewmitglieder auf das Oberdeck und verkündet seinen zornigen Passagieren, dass sie doch bitte Vertrauen haben mögen, er alles Menschenmögliche tut, um die Notlage zu beenden und er die Ausgangserleichterung auch jeden Moment wieder aufheben – oder erweitern könne. Es hinge ganz vom Verhalten der Passagiere ab.
Und als Ihnen am nächsten Morgen der Stewart Ihre traurige Scheibe Toastbrot und die Tasse dünnen Kaffee bringt, drücken Sie ihm Fünfhundert Euro aus Ihrer Reisekasse in die Hand, wenn er Ihnen endlich sagt, was hier eigentlich los ist und um welchen Notfall es sich handelt.
Der Stewart steckt das Geld ein, schließt die Türe hinter sich und raunt Ihnen im Vertrauen zu: „Unser Schiffskompass und unser Funkgerät sind ausgefallen und der Kapitän hat weder eine Ahnung, wohin die Reise geht, noch wann wir wohin wieder Fahrt aufnehmen. Bis wir dies wissen, bleiben wir da, wo wir sind und sparen Ressourcen. Und hoffen, irgendwie gerettet zu werden.“
Willkommen auf der „Deutschland“.
Sicher würden Sie zuerst einmal in der Kabine bleiben, Anweisung ist schließlich Anweisung und der Kapitän wird für seine Durchsage schon seinen Grund haben. Nach etwa einem Tag in Ihrer Kabine bringt Ihnen ein Stewart das Abendessen vorbei. Sicher würden Sie ihn fragen, um welchen Notfall es sich handelt, ob Sie in Gefahr sind und wann Sie die Kabine verlassen können. Als Antwort bekämen Sie in etwa Folgendes: „Der Kapitän hat seine Gründe. Es handelt sich um einen schlimmen Notfall, sonst hätten wir die Maßnahmen nicht ergriffen. Sobald der Notfall aber vorbei ist, dürfen Sie auch die Kabine wieder verlassen.“ Was wüssten Sie nun?
Sie würden spekulieren, Möglichkeiten gibt es viele. Angefangen bei einer schweren, ansteckenden Krankheit eines Passagiers, über eine filmreife Schiffsentführung oder eine wirklich üble Schlechtwetterfront, bis hin zu einem schweren Schaden am Schiff oder der Sichtung eines Eisbergs. Mitten im Mittelmeer. Sicher wüssten Sie nur eines: Sie dürfen Ihre Kabine nicht verlassen.
Am nächsten Morgen bringt Ihnen der Stewart das Frühstück, das im Vergleich zu gestern und vorgestern ein deutlich verringertes Format aufweist. „Der Kapitän hat die Speisen rationiert“, würde Ihnen der Stewart auf Nachfrage antworten. Auf erneute Nachfrage nach dem Grund für die Maßnahme antwortet der Stewart stoisch: „Wir haben einen Notfall.“
Welche Maßnahme würde es rechtfertigen, dass wie auf der „Santa Maria“ die Rationen gekürzt werden? In diesem Moment spüren Sie auch, dass das Schiff gestoppt hat und hören das Rasseln der Ankerketten. Es bewegt sich nichts mehr. Positiv: Sie stellen fest, dass sich die Lage des Schiffes selbst nicht verändert. Sie scheinen nicht zu sinken - wenigstens noch nicht. Das Schiff liegt stabil. Als Ihnen ein Stewart das leckere Mittagessen, bestehend aus einem wässrigen Linseneintopf, bringt, fragen Sie erneut nach. Sie wollen wissen, wie die Sachlage ist, wann der Notfall endet und ob Sie helfen können. Sie erhalten, in dieser Reihenfolge, folgende Auskunft: „Wir haben eine unangenehme Situation an Bord, wir geben Bescheid, wenn diese beendet ist, bitte bleiben Sie so lange in Ihrem eigenen Interesse in der Kabine, damit helfen Sie uns am Meisten.“
Jeden von uns wird eine derartige Lage früher oder später zuerst in Unbehagen, später in Panik versetzen. Das Schiff liegt still, Ihre Informationen sind rudimentär, Sie müssen sich darauf verlassen, dass der Kapitän des Schiffs weiß, was er tut. Gesichert ist, dass der Notfall so groß ist, dass Sie in Ihrer Bewegungsfreiheit gehemmt sind und dass es weder vorwärts noch rückwärts geht. Abends erklärt Ihnen der Stewart, dass der Kapitän beschlossen hat, Ihnen und den anderen Passagieren etwas Bewegungsfreiheit zu geben. Sie dürfen eine Stunde auf das Unterdeck, wenn Sie eine Schwimmweste tragen und sich nicht mit anderen Passagieren unterhalten. Von dem Angebot machen Sie natürlich Gebrauch und die Gerüchteküche brodelt. Sie reden selbstverständlich doch mit den anderen Passagieren. Die überwiegende Mehrheit geht davon aus, dass sie sich auf einem Seuchenschiff befindet und der komplette Kahn unter Quarantäne gestellt wurde. Wo Sie sind und wie lange Sie dort sein werden, wissen Sie nicht. Sie können nur vermuten. Nebenbei erfahren Sie auch noch, dass einige Passagiere den Pool auf dem Achterdeck nutzen dürfen, Sie hingegen nicht. Weil Ihr Weg zum Pool weiter ist.
Spätestens nach einer Woche sind nicht nur Sie, sondern auch die anderen Passagiere weichgekocht. Auf dem Unterdeck finden sich Grüppchen, die ganz offen eine Meuterei fordern. Die „endlich wissen wollen, was hier los ist“ und wann das Schiff wieder Fahrt aufnimmt – oder die Passagiere evakuiert werden. Der Kapitän tritt in Begleitung bewaffneter Crewmitglieder auf das Oberdeck und verkündet seinen zornigen Passagieren, dass sie doch bitte Vertrauen haben mögen, er alles Menschenmögliche tut, um die Notlage zu beenden und er die Ausgangserleichterung auch jeden Moment wieder aufheben – oder erweitern könne. Es hinge ganz vom Verhalten der Passagiere ab.
Und als Ihnen am nächsten Morgen der Stewart Ihre traurige Scheibe Toastbrot und die Tasse dünnen Kaffee bringt, drücken Sie ihm Fünfhundert Euro aus Ihrer Reisekasse in die Hand, wenn er Ihnen endlich sagt, was hier eigentlich los ist und um welchen Notfall es sich handelt.
Der Stewart steckt das Geld ein, schließt die Türe hinter sich und raunt Ihnen im Vertrauen zu: „Unser Schiffskompass und unser Funkgerät sind ausgefallen und der Kapitän hat weder eine Ahnung, wohin die Reise geht, noch wann wir wohin wieder Fahrt aufnehmen. Bis wir dies wissen, bleiben wir da, wo wir sind und sparen Ressourcen. Und hoffen, irgendwie gerettet zu werden.“
Willkommen auf der „Deutschland“.

Ist das nicht süß? Wirklich zuckersüß, wie sie jetzt alle springen, tanzen und singen? Da kommt so ein Ami aus Amirika zur Münchner Sicherheitskonferenz und hält den bei Häppchen und Sekt versammelten grauen Köpfen der europäischen Nomenklatura einen 20-minütigen, freien und fehlerlosen Vortrag über Demokratie und Mehrheiten, verzwergt seine Zuhörer und deklassiert sie und landauf landab fliegen die geohrfeigten Köpfe der Brandmaurer. Da stellt sich dann ausgerechnet ein ausgebildeter Neo-Sozialist wie der Bundespräsident, der vor nicht einmal 12 Monaten den amtierenden Präsidenten der USA als „Hassprediger“ abgekanzelt hat, hin und verbittet sich eine Einmischung der Amerikaner in die lautere und tadellose Demokratie der Schwachkopf-Anzeiger, „So-Done“-Betreiber und Morgens-aus-dem-Bett-Klingler. Da sind sie alle ganz aufgeregt, die, die nicht müde wurden, zu beteuern, dass mit Donald Trump das absolut Böse ins Weiße Haus einziehen wird. Die den altersschwachen Joe Biden zu einem stolzen Führer der freien Welt mit dem absoluten Überblick verklärten, um gleich anschließend Kamala Harris zu einer Lichtgestalt zu verklären, die den Heiligenschein Jesu um Milliarden Lux überstrahlte. Diese Politiker und Medien beschweren sich nun wie mit der Hand in der Keksdose ertappte Kinder über eine Rede, die ihnen, den Führern des Wertewestens und des freiesten und buntesten und diversesten Europas, das es je seit der Belagerung Konstantinopels gab, die demokratischen Leviten liest. Witzig – während ich diese Zeilen schreibe, lese ich auf X, dass der Rechtsanwalt Markus Roscher zu 3.000,- € Geldstrafe verurteilt wurde, weil er in einem Tweet Habeck, Scholz und Baerbock für das Heizungsgesetz als „boshafte Versager“ bezeichnet hat. Sein Waffenschein steht nun wegen „Unzuverlässigkeit“ ebenfalls zur Diskussion. Außerdem muss er im „Wiederholungsfall“ – nämlich, dass er die Genannten „in ihrem öffentlichen Wirken erheblich beeinträchtigt“ – damit rechnen, dass ihm der Entzug seiner Anwaltslizenz droht. Außerdem wurde er gewarnt, dass er im Einspruchsverfahren mit einer noch höheren Geldstrafe rechnen müsste. Sieht so die Meinungsfreiheit „unserer Demokratie“ aus? Das exakt ist es, was Vance mit seiner Rede gemeint hat. Und was unsere Politisierenden und die geneigten Medien vehement und ganz wehrhaft mit wedelnden Armen abstreiten. „Keine Meinungsfreiheit? Stimmt ja gar nicht! Halt die Fresse!“ Ich mag die AfD nicht. Ich finde sie zu wenigstens 60% ganz schrecklich, weil da auch ganz schreckliche Leute mitmachen, deren Stammtische ich schon in Jugendtagen gemieden habe, obwohl es die da noch gar nicht gab. Das spielt in einer Demokratie aber keine Rolle, wen ich mag oder nicht mag. Ich persönlich finde Grüne und Linke noch viel schrecklicher, radikaler und ja – auch gewalttätiger. Erst recht, wenn sie 1933 als Rechtfertigung für Zerstörung und Körperverletzung als Alibi heranziehen. Aber ebenso, wie ich die Einen ertragen muss, muss ich auch die anderen ertragen. Und, als Demokrat, bestenfalls mit beiden reden, weil sie vielleicht ja doch einen Punkt haben. Außerdem ist es unfair und undemokratisch, eine 20%-Partei in ihrer parlamentarischen Arbeit zu behindern und ihnen ihrer Partei zustehende Posten zu verweigern oder Gesetze und Regeln so elegant hinzubiegen, dass sie keine Chance haben, für das Geld, das sie auch von ihren Wählern bekommen, Ihren Job zu machen. Unser Grundgesetz (dessen Hochhalten in Corona bereits bestraft wurde) sieht keine „guten“ und „schlechten“ Wählerstimmen vor. Es gibt schlicht keine Abstufung. Vance hat nichts anderes gesagt als seinerzeit Gorbatschow zu den Betonköpfen im Politbüro: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“. Wer sich nicht um die Anliegen von mindestens 20% - eigentlich aber sogar mehr als 50% aller Wähler kümmert (ja, wir reden hier von illegaler Migration und Union und AfD gemeinsam), der darf sich dann auch nicht wundern, wenn die eigene, überhebliche Arroganz gegenüber dem Wahlvolk, das die ganze Butze finanziert, zur eigenen Abwahl führt. Es ist das tiefste Wesen einer Demokratie, dass es keinen Adel und keine Kaste gibt und das Volk seine Regierungen bei Nichtbeachtung abwählen und einer neuen Regierung eine neue Chance geben kann, darf, soll und – im Eigeninteresse – sogar muss. Nichts anderes hat Vance versucht, seinen europäischen Gesprächspartnern, die nun gemeinsam mit den ihnen gewogenen Medien aufgeregt flügelschlagend umeinanderkreisen, klarzumachen. Und als Antwort bekommt er – und wir – unter dem Strich die gleiche Antwort, die seinerzeit Honecker gab: „Unsere Demokratie in ihrem Lauf halten weder Trump noch Vance auf“. Flankiert von dem üblichen Gesülze von Trump als Sith-Lord mit Musk und Vance als böse Palatine. Die glauben das wirklich! Außerdem hat Vance mit Weidel und Merz gesprochen. GESPROCHEN! Sie haben richtig gelesen. Die Amerikaner haben glasklar erkannt, dass mit der EU und den Wichtigtuern der deutschen Regierungsparteien schlicht „kein Staat“ zu machen ist. „America first“ heißt auch „Europe second“ und die Rede von Vance und die Reaktionen darauf haben tatsächlich gezeigt, mit welchen eitlen und wichtigtuerischen Wichten wir es in „unserer Demokratie“ zu tun haben. Wird sich aber nun etwas ändern? Natürlich nicht. Die europäischen Kleinmächte mit ihren zappeligen Demokratieminderleistern werden sich einigeln und hoffen, dass die nächsten vier Jahre Trump und dann vielleicht vier Jahre Vance an ihnen wie ein Gewittersturm vorüberziehen werden. An uns als Wählern liegt es, ob dies so sein wird.

Haben Sie die Bilder gesehen? Robert Habeck hat eines verbreitet, Olaf Scholz ein anderes. Robert Habeck war nämlich in Auschwitz. Aber nur als Besucher. Olaf Scholz auch, auch als Tourist. Auf dem Bild Robert Habecks sieht man ihn aus der Rückenansicht, wie er zwischen einem Gebäude (dem Krematorium?) und zwei Stacheldrahtzäunen, ganz allein, fast einsam, entlangflaniert. Das ganze Bild, in einen orangen Filter getaucht, erinnert stark an die „Jever“-Werbung. Ein Mann. Seine Gedanken. Ein KZ. Veröffentlicht hat Robert Habeck das Bild auf X mit dem Untertext: „Heute, am 80. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz, habe ich in Polen das Stammlager I und später das Konzentrations- und Vernichtungslager in Auschwitz-Birkenau besucht. Neben dem offiziellen Teil gab es auch ein paar Momente allein. Ich brauche dazu nichts zu sagen, denke ich.“ Ein paar Momente. Allein. Robert Habeck mit sich selbst. Und dem Kameramann. Und den Personenschützern. Möglicherweise auch mit seinem Social-Media-Team und seinem Wahlkampfteam. Aber allein. Hauptsache allein. Mit seinen Gedanken. Und die teilt er mit, indem er sie nicht mitteilt. So isser, unser Robert, gell? So ein eigentlich stiller, besinnlicher und, ja, auch tief philosophischer Typ. Ich kann mich nicht gegen meine Phantasie wehren. Ich sehe mich mit Robert Habeck und seinem Team da, in dieser Todesgasse stehen und das, was wie ein Schnappschuss – welch grässliches Wort in einem Konzentrationslager – aussieht, inszenieren: „Robert, wir machen das von hinten. Wie in der Werbung. Geh ein paar Schritte nach da. Nicht umdrehen, Robert, NICHT UMDREHEN, HERRGOTT, ja, so isses gut, Stimmt das Licht, Malte? Klasse. Nicht so weit weg, Robert, es muss zufällig aussehen und wir können das Stativ und das Licht nicht hinter Dir hertragen. Geh nochmal so… JA, PASST, IS IM KASTEN! Super Robert, das wird ein Kracher!“ Ein Hauch von Bierwerbung weht durch das Bild: Wie das KZ, so das Jever. Ich weiß nicht, ob er oder Olaf Scholz schneller war, unser Kanzler ließ sich von hinten insze… fotografieren, wie er vor einem der Öfen im Krematorium steht. Mittig. Im gedämpften Licht. Besinnlich und sich besinnend. Ob er da ein Gebet gesprochen hat? Man weiß es nicht, aber die Bildkomposition ist sehr schön, sehr symmetrisch. Da hat das Fotografierende gut mitgedacht. Diesen beiden Typen ist das vielleicht grausigste und grausamste Vernichtungslager der Welt nicht zu schade, um sich zu Wahlkampf- und Eigendarstellungszwecken optisch hübsch in Szene zu setzen, um einen auf „besinnlich“ zu machen. Das, was vor Ort passiert ist, wo Menschen verprügelt, verreckt und schlussendlich vergast wurden, wird heute von ganz aufrecht unserdemokratischen Politikern zur Gruselkulisse für nicht hässliche Bilder, zum „Auschwitzland“ für professionelles Trauern herabgewürdigt. Wahres und echtes Gedenken braucht keine Pressefotografen, sondern Ruhe und Geschichtsbewusstsein, was ich mit einem Pulk von Fotografen, Security und Begleitentourage für höchst schwierig halte. Beide Bilder haben einen bitteren Beigeschmack von „Halloho? Ich trauere und bin nachdenklich! Seht Ihr, wie ich trauere? Seht Ihr es? Kinners, hierher, ich trauere! Guck, da der Ofen, da der Stacheldraht, schrecklich. Soll ich nochmal im Halbprofil…?“ Es gibt vielleicht noch eine Handvoll Leute, die aus Auschwitz entkommen und bewusst erzählen können, wie es war und auch sie werden bald gestorben sein. Wer als 10-jähriger da hinkam und überlebte, ist spätestens 1935 geboren und heute 90 Jahre alt. In zehn bis zwanzig Jahren wird die Erinnerung an den Holocaust nur noch virtuell in Filmen und Literatur gegenwärtig sein, da es keine Zeitzeugen mehr gibt, die das Monströse dieses Ortes aus eigener Anschauung vermitteln können. Dann wird Auschwitz endgültig zur Gedenkkulisse von Politikern herabgewürdigt werden, wenn die Museumsleitung hier nicht eingreift. Eigentlich sollte auf dem gesamten Gelände ein Fotografier-Verbot herrschen. Auch und besonders für Politiker. Das ist kein Ort, um Besinnlichkeit zu heucheln und publikumswirksame Bilder zu schießen. Oder lustige Selfies für Instagram und Tiktok zu machen. Was kommt als Nächstes? „My friends went to Auschwitz and all I got was this lousy T-Shirt“? Das ist Auschwitz. Der Ort eines der größten Verbrechen der Menschheit. Ein Ort, an dem Täter zu viehischen Barbaren und Opfer zur vernichtbaren Objekten herabgewürdigt wurden. Ein Ort, gegen den die Hölle ein angenehmer Platz sein muss. Ein Ort, an dem es keine Moral und keine Menschlichkeit mehr gab. Und an diesem Ort standen zwei Politiker in guter Ausleuchtung und simulierten Anteilnahme. Dann reisten sie wieder ab und beschlossen, noch mehr Judenhasser ins Land zu lassen. Es widert mich nur noch an.


