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Yolocaust

Thilo Schneider • 14. August 2019

Chic im KZ

Wie wäre es wohl, wenn die Großeltern ermordet worden wären und die Enkel des Mörders auf deren Grab herumtanzen. Und dies nicht einmal in böser oder verhöhnender Absicht – nein, einfach aus Ignoranz, Gedankenlosigkeit oder schlichter Dummheit.

So hat sich eine gewisse Chloe L. aus Wisconsin, die sich selbst als „Influencerin“ bezeichnet – das sind überwiegend junge Menschen, die sich im Internet präsentieren und dort mit ihren tollen Produkten gegen Cash anderen jungen Menschen vor der Nase herumwedeln und dazu belangloses Zeug schnattern – lächelnd mit einer Moncler-Mütze, einem Louis-Vuitton-Täschchen und einem Caramel-Frappuccino im Eingangsbereich des KZ Auschwitz in Modeszene gesetzt. Das ganze Bild hat schwer den Hauch von „Yeah, Leute, schaut wo ich bin, chic im Vernichtungslager, voll cool hier. Lauter so Barracken und so Gedenkdinger, weil da irgendwelche Leute mal so irgendwie gestorben sind…“ Sozusagen „modisch bis zur Vergasung“.

Die Kritik, die die junge Frau darauf auf dem Social-Media-Portal Instagram erhielt, konnte sie gar nicht verstehen. Denn immerhin hatte sie doch ihr stylisches Foto mit dem Wort „Auschwitz“ und daneben einem Herzchen-Bildchen untertitelt. Das hieße ja wohl, dass sie sich der Geschichtsträchtigkeit des Ortes bewusst sei, meinte sie… Von derart viel Pietät bis hin zum Merchandising von „I love Auschwitz“-T-Shirts über Kaffeetassen mit dem Konterfei von Adolf Eichmann und Tischuntersetzern mit Bildern von Leichenbergen ist es da nur noch ein kleiner Schritt.

Nun wäre so eine dumme amerikanische Gans keine Meldung wert, wenn sie ein Einzelfall wäre. Ist sie aber nicht. Im Internet finden sich Hunderte von Selfies von Jugendlichen, die lustig auf den Eisenbahnschienen vor dem Haupteingang von Auschwitz balancieren oder fröhlich grinsend über den tollen Schulausflug im Holocaustland zusammenstehen.

Der Satiriker Shahak Shapira hat in seinem Projekt „Yolocaust“ (zusammengesetzt aus dem Jugendwort „Yolo“, einer Abkürzung, die für „You only live once“ steht und eben „caust“) zwölf der geschmacklosesten Bilder zusammengetragen und nicht nur veröffentlicht, sondern die Protagonisten auch in historische Bilder hineinkopiert. So tanzt einer seiner Darsteller nun nicht mehr über die Stelen des Holocaust-Denkmals in Berlin, sondern über die tatsächlichen Leichenberge. Der Schock war immens. Die Urheber der Bilder konnten sich bei Shapira unter der Email-Adresse undouche.me@yolocaust.de melden und um Löschung bitten. Das Wort „Douche“ bedeutet im Englischen so viel wie „Trottel“. Tatsächlich haben sich alle zwölf Ursprungsfotografen gemeldet und sich für ihre Pietätlosigkeit entschuldigt. Deswegen gibt es heute auf „Yolocaust“ auch die entsprechenden Bilder nicht mehr zu sehen. Allerdings hat Shapira nicht nur diese Emails erhalten – jede Menge anderer Mails strotzten vor Beleidigungen und Drohungen. Ihre eigene Dummheit vor die Nase gehalten zu bekommen, hat den Dummen aller Zeiten nicht gefallen.

Zugegeben: Neben dem Denken ist auch das würdevolle Gedenken schwierig. Ob sich nun Jugendliche bei Balanceakten auf Bahngleisen gegenseitig ablichten, eine nicht gerade helle Leuchte wie der Sänger „Kollegah“ sich in seiner Art Liedern mit einem „Körper, definierter als der von Auschwitz-Insassen“ brüstet und „mal wieder ´nen Holocaust macht“ oder sich der baden-württembergische AfD-Abgeordnete und fast-noch-Unzeitgenosse Wolfgang Gedeon darüber schräge Gedanken macht, ob die Stolperstein-Aktion zum Andenken ermordeter Juden abgeschafft werden sollte – es scheint, als ob die früher verbreitete „Es muss jetzt auch mal Schluss sein“-Mentalität vieler Täter-Kinder und -enkel einer „Mir doch egal“ oder „War was?“-Einstellung der Urenkel gewichen ist. Konnten die Lehrpläne der 70er und 80er Jahre gar nicht genug von Holocaust und Drittem Reich bekommen, so wird heute diese Phase der deutschen Geschichte irgendwo zwischen Kaiserreich und Adenauer-Republik kurz angeschnitten und abgehakt. Vielleicht auch, um hier, ganz kultursensibel, niemanden outen zu müssen.

Das Anne-Frank-Museum in Berlin, das zu Anne Frank ungefähr den gleichen Bezug wie zu Golda Meir hat – nämlich gar keinen – oder die diversen Mahnmale und Gedenkstätten wie Auschwitz oder Buchenwald sind tatsächlich heute zu einer Art „ritualisiertem Gedenken“ und Gruseltourismusmagneten herabgesunken. Die Schulklassen fahren eben dort hin, weil sie müssen und das Besichtigen von Gaskammern allemal spannender und entspannender als ein Vormittag mit Mathematik, Englisch und Latein und eine willkommene Abwechslung ist. Was das Ganze mit den Schülern und Jugendlichen von heute zu tun hat, wird überhaupt nicht mehr klar. In einem ehemaligen Konzentrationslager konzentriert sich heute nur noch gelangweilte Ignoranz, gepaart mit einer Prise Todes-Voyeurismus.

Natürlich sieht sich ein nichtjüdischer Schüler ein Todeslager anders als ein jüdischer Schüler an. Der eine hat einen bestenfalls marginalen Bezug zum Thema, für den anderen ist es nach wie vor lebendiger Teil der Familiengeschichte. Ins Gespräch kommen die beiden – allein schon aus Mangel an Quantität von Juden in Deutschland – nicht. Wir können nur dem gedenken, zu dem wir einen Bezug haben. Eine emotionale Bindung zu alten schwarz-weiß-Fotografien von Fremden aufzubauen, dürfte schwer sein, zumal in einem derart schnellen Zeitalter von 3-Minuten -Youtube-Influencer-Clips. Da kann eine ein- bis zweistündige monothematische Führung ohne Werbepause schon sehr anstrengend sein…

Vielleicht braucht es ja tatsächlich eine neue Form von Gedenken. Im krassesten Fall könnte es den gutgelaunten Besuchergrüppchen in Auschwitz möglicherweise nichts schaden, von brüllenden Uniformierten angegangen zu werden, aufgefordert zu werden, ihre Kleidung abzulegen und dann nackt zu den einzelnen Barracken zu rennen oder drei Stunden „zum Appell“ reglos da zu stehen. Mit einer derartigen Erfahrung würde aus einer „Gedenkstätte“, die offenkundig niemand mehr ernst nimmt, eine „Experience“, die sehr ernst genommen würde. Allerdings dürften da die Rechtsanwälte der „lieben Kleinen“ und ihrer Eltern ein gehöriges Wörtchen mitreden wollen. Eigentlich schade.

Es ist eben nur erstaunlich, wie eine Generation, die für sich in Anspruch nimmt, besonders sensibel und einfühlsam zu sein und deswegen auch keinen Widerspruch ertragen kann, so völlig empathie- und respektlos durch einen Ort wie Ausschwitz latscht, womöglich noch mit Kopfhörer im Ohr und in die Handy-Kamera grinsend. Die gleiche Generation, die sich so ganz furchtbare Sorgen um ihre Zukunft macht, dass sie das Lernen an Freitagen komplett eingestellt hat, interessiert sich, wenn schon nicht für das, was einmal war, nicht den Hauch für die Gefühle der Menschen, auf deren Eltern und Geschwistergräbern sie ihre läppischen und lächerlichen Fotos machen. Und weil sie nicht „hören“ wollen, sind sie dazu verdammt, erneut zu „fühlen“. Aus der ein- oder anderen radikalen Ecke.

Es gab einmal eine Zeit, da gingen die Überlebenden der Konzentrationslager an die Schulen und berichteten über ihre Erlebnisse. Das war die Zeit, als diese Überlebenden auch noch angstfrei mit einer Kippa durch Berlin gehen konnten. Diese Zeiten sind vorbei. Jemand, der Auschwitz als Fünfjähriger überlebt hat, ist heute 80 Jahre alt und nur ganz selten noch in der Lage, seine Stimme zu erheben. Und er schaut heute in leere, desinteressierte Gesichter. Die Urenkel der Täter haben den Bezug zur eigenen Volks- oder wenigstens Familiengeschichte verloren. Und die eingewanderten Gleichaltrigen haben zum Thema Holocaust sowieso eine ganz andere Haltung, da er für diese zur „Behandlung der Palästinenser durch Israel“ umgedeutet wurde. Ein Kapitel, das im Geschichtsbuch kurz vor der großen Pause abgehakt wird. In Sonntagsreden wird sich der ein- oder andere deutsche Politiker natürlich immer noch auf den Holocaust beziehen – und dabei seelenruhig zu sehen, wie die heute in Europa lebenden Juden immer weiter erneut an den gesellschaftlichen Rand gedrängt werden.

So schmerzlich dies für den ein- oder anderen Juden sein mag: Die Vernichtung seiner Familie, der Menschen, die er liebte oder aus Erzählungen kannte – sie wird langsam, aber sicher, Teil der Geschichte.

Ob sie tatsächlich Teil einer kollektiven nichtjüdischen Erinnerung werden wird, bleibt noch offen. Die Chancen dafür stehen nicht besonders gut.


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Die den altersschwachen Joe Biden zu einem stolzen Führer der freien Welt mit dem absoluten Überblick verklärten, um gleich anschließend Kamala Harris zu einer Lichtgestalt zu verklären, die den Heiligenschein Jesu um Milliarden Lux überstrahlte. Diese Politiker und Medien beschweren sich nun wie mit der Hand in der Keksdose ertappte Kinder über eine Rede, die ihnen, den Führern des Wertewestens und des freiesten und buntesten und diversesten Europas, das es je seit der Belagerung Konstantinopels gab, die demokratischen Leviten liest. Witzig – während ich diese Zeilen schreibe, lese ich auf X, dass der Rechtsanwalt Markus Roscher zu 3.000,- € Geldstrafe verurteilt wurde, weil er in einem Tweet Habeck, Scholz und Baerbock für das Heizungsgesetz als „boshafte Versager“ bezeichnet hat. Sein Waffenschein steht nun wegen „Unzuverlässigkeit“ ebenfalls zur Diskussion. Außerdem muss er im „Wiederholungsfall“ – nämlich, dass er die Genannten „in ihrem öffentlichen Wirken erheblich beeinträchtigt“ – damit rechnen, dass ihm der Entzug seiner Anwaltslizenz droht. Außerdem wurde er gewarnt, dass er im Einspruchsverfahren mit einer noch höheren Geldstrafe rechnen müsste. Sieht so die Meinungsfreiheit „unserer Demokratie“ aus? Das exakt ist es, was Vance mit seiner Rede gemeint hat. Und was unsere Politisierenden und die geneigten Medien vehement und ganz wehrhaft mit wedelnden Armen abstreiten. „Keine Meinungsfreiheit? Stimmt ja gar nicht! Halt die Fresse!“ Ich mag die AfD nicht. Ich finde sie zu wenigstens 60% ganz schrecklich, weil da auch ganz schreckliche Leute mitmachen, deren Stammtische ich schon in Jugendtagen gemieden habe, obwohl es die da noch gar nicht gab. Das spielt in einer Demokratie aber keine Rolle, wen ich mag oder nicht mag. Ich persönlich finde Grüne und Linke noch viel schrecklicher, radikaler und ja – auch gewalttätiger. Erst recht, wenn sie 1933 als Rechtfertigung für Zerstörung und Körperverletzung als Alibi heranziehen. Aber ebenso, wie ich die Einen ertragen muss, muss ich auch die anderen ertragen. Und, als Demokrat, bestenfalls mit beiden reden, weil sie vielleicht ja doch einen Punkt haben. Außerdem ist es unfair und undemokratisch, eine 20%-Partei in ihrer parlamentarischen Arbeit zu behindern und ihnen ihrer Partei zustehende Posten zu verweigern oder Gesetze und Regeln so elegant hinzubiegen, dass sie keine Chance haben, für das Geld, das sie auch von ihren Wählern bekommen, Ihren Job zu machen. Unser Grundgesetz (dessen Hochhalten in Corona bereits bestraft wurde) sieht keine „guten“ und „schlechten“ Wählerstimmen vor. Es gibt schlicht keine Abstufung. Vance hat nichts anderes gesagt als seinerzeit Gorbatschow zu den Betonköpfen im Politbüro: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“. Wer sich nicht um die Anliegen von mindestens 20% - eigentlich aber sogar mehr als 50% aller Wähler kümmert (ja, wir reden hier von illegaler Migration und Union und AfD gemeinsam), der darf sich dann auch nicht wundern, wenn die eigene, überhebliche Arroganz gegenüber dem Wahlvolk, das die ganze Butze finanziert, zur eigenen Abwahl führt. Es ist das tiefste Wesen einer Demokratie, dass es keinen Adel und keine Kaste gibt und das Volk seine Regierungen bei Nichtbeachtung abwählen und einer neuen Regierung eine neue Chance geben kann, darf, soll und – im Eigeninteresse – sogar muss. Nichts anderes hat Vance versucht, seinen europäischen Gesprächspartnern, die nun gemeinsam mit den ihnen gewogenen Medien aufgeregt flügelschlagend umeinanderkreisen, klarzumachen. Und als Antwort bekommt er – und wir – unter dem Strich die gleiche Antwort, die seinerzeit Honecker gab: „Unsere Demokratie in ihrem Lauf halten weder Trump noch Vance auf“. Flankiert von dem üblichen Gesülze von Trump als Sith-Lord mit Musk und Vance als böse Palatine. Die glauben das wirklich! Außerdem hat Vance mit Weidel und Merz gesprochen. GESPROCHEN! Sie haben richtig gelesen. Die Amerikaner haben glasklar erkannt, dass mit der EU und den Wichtigtuern der deutschen Regierungsparteien schlicht „kein Staat“ zu machen ist. „America first“ heißt auch „Europe second“ und die Rede von Vance und die Reaktionen darauf haben tatsächlich gezeigt, mit welchen eitlen und wichtigtuerischen Wichten wir es in „unserer Demokratie“ zu tun haben. Wird sich aber nun etwas ändern? Natürlich nicht. Die europäischen Kleinmächte mit ihren zappeligen Demokratieminderleistern werden sich einigeln und hoffen, dass die nächsten vier Jahre Trump und dann vielleicht vier Jahre Vance an ihnen wie ein Gewittersturm vorüberziehen werden. An uns als Wählern liegt es, ob dies so sein wird.
von Thilo Schneider 2. Februar 2025
Haben Sie die Bilder gesehen? Robert Habeck hat eines verbreitet, Olaf Scholz ein anderes. Robert Habeck war nämlich in Auschwitz. Aber nur als Besucher. Olaf Scholz auch, auch als Tourist. Auf dem Bild Robert Habecks sieht man ihn aus der Rückenansicht, wie er zwischen einem Gebäude (dem Krematorium?) und zwei Stacheldrahtzäunen, ganz allein, fast einsam, entlangflaniert. Das ganze Bild, in einen orangen Filter getaucht, erinnert stark an die „Jever“-Werbung. Ein Mann. Seine Gedanken. Ein KZ. Veröffentlicht hat Robert Habeck das Bild auf X mit dem Untertext: „Heute, am 80. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz, habe ich in Polen das Stammlager I und später das Konzentrations- und Vernichtungslager in Auschwitz-Birkenau besucht. Neben dem offiziellen Teil gab es auch ein paar Momente allein. Ich brauche dazu nichts zu sagen, denke ich.“ Ein paar Momente. Allein. Robert Habeck mit sich selbst. Und dem Kameramann. Und den Personenschützern. Möglicherweise auch mit seinem Social-Media-Team und seinem Wahlkampfteam. Aber allein. Hauptsache allein. Mit seinen Gedanken. Und die teilt er mit, indem er sie nicht mitteilt. So isser, unser Robert, gell? So ein eigentlich stiller, besinnlicher und, ja, auch tief philosophischer Typ. Ich kann mich nicht gegen meine Phantasie wehren. Ich sehe mich mit Robert Habeck und seinem Team da, in dieser Todesgasse stehen und das, was wie ein Schnappschuss – welch grässliches Wort in einem Konzentrationslager – aussieht, inszenieren: „Robert, wir machen das von hinten. Wie in der Werbung. Geh ein paar Schritte nach da. Nicht umdrehen, Robert, NICHT UMDREHEN, HERRGOTT, ja, so isses gut, Stimmt das Licht, Malte? Klasse. Nicht so weit weg, Robert, es muss zufällig aussehen und wir können das Stativ und das Licht nicht hinter Dir hertragen. Geh nochmal so… JA, PASST, IS IM KASTEN! Super Robert, das wird ein Kracher!“ Ein Hauch von Bierwerbung weht durch das Bild: Wie das KZ, so das Jever. Ich weiß nicht, ob er oder Olaf Scholz schneller war, unser Kanzler ließ sich von hinten insze… fotografieren, wie er vor einem der Öfen im Krematorium steht. Mittig. Im gedämpften Licht. Besinnlich und sich besinnend. Ob er da ein Gebet gesprochen hat? Man weiß es nicht, aber die Bildkomposition ist sehr schön, sehr symmetrisch. Da hat das Fotografierende gut mitgedacht. Diesen beiden Typen ist das vielleicht grausigste und grausamste Vernichtungslager der Welt nicht zu schade, um sich zu Wahlkampf- und Eigendarstellungszwecken optisch hübsch in Szene zu setzen, um einen auf „besinnlich“ zu machen. Das, was vor Ort passiert ist, wo Menschen verprügelt, verreckt und schlussendlich vergast wurden, wird heute von ganz aufrecht unserdemokratischen Politikern zur Gruselkulisse für nicht hässliche Bilder, zum „Auschwitzland“ für professionelles Trauern herabgewürdigt. Wahres und echtes Gedenken braucht keine Pressefotografen, sondern Ruhe und Geschichtsbewusstsein, was ich mit einem Pulk von Fotografen, Security und Begleitentourage für höchst schwierig halte. Beide Bilder haben einen bitteren Beigeschmack von „Halloho? Ich trauere und bin nachdenklich! Seht Ihr, wie ich trauere? Seht Ihr es? Kinners, hierher, ich trauere! Guck, da der Ofen, da der Stacheldraht, schrecklich. Soll ich nochmal im Halbprofil…?“ Es gibt vielleicht noch eine Handvoll Leute, die aus Auschwitz entkommen und bewusst erzählen können, wie es war und auch sie werden bald gestorben sein. Wer als 10-jähriger da hinkam und überlebte, ist spätestens 1935 geboren und heute 90 Jahre alt. In zehn bis zwanzig Jahren wird die Erinnerung an den Holocaust nur noch virtuell in Filmen und Literatur gegenwärtig sein, da es keine Zeitzeugen mehr gibt, die das Monströse dieses Ortes aus eigener Anschauung vermitteln können. Dann wird Auschwitz endgültig zur Gedenkkulisse von Politikern herabgewürdigt werden, wenn die Museumsleitung hier nicht eingreift. Eigentlich sollte auf dem gesamten Gelände ein Fotografier-Verbot herrschen. Auch und besonders für Politiker. Das ist kein Ort, um Besinnlichkeit zu heucheln und publikumswirksame Bilder zu schießen. Oder lustige Selfies für Instagram und Tiktok zu machen. Was kommt als Nächstes? „My friends went to Auschwitz and all I got was this lousy T-Shirt“? Das ist Auschwitz. Der Ort eines der größten Verbrechen der Menschheit. Ein Ort, an dem Täter zu viehischen Barbaren und Opfer zur vernichtbaren Objekten herabgewürdigt wurden. Ein Ort, gegen den die Hölle ein angenehmer Platz sein muss. Ein Ort, an dem es keine Moral und keine Menschlichkeit mehr gab. Und an diesem Ort standen zwei Politiker in guter Ausleuchtung und simulierten Anteilnahme. Dann reisten sie wieder ab und beschlossen, noch mehr Judenhasser ins Land zu lassen. Es widert mich nur noch an.