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"Systemrelevante" Berufe
Thilo Schneider • 3. April 2020
Das Pech der Pantomimen

Die Begeisterung für Busfahrer und Pflegepersonal kennt derzeit keine Grenzen mehr und ist mittlerweile sogar so groß, dass sich Menschen an Fenster stellen und einfach mal applaudieren. Ja, warum denn auch nicht? Natürlich sind sich weite Teile der Bevölkerung darüber einig, dass die Menschen in nichtakademischen Berufen extrem schlecht bezahlt sind und da doch „endlich mal etwas passieren müsste“. Zumal eben ohne einen Busfahrer kein Bus fährt – wenigstens bis Google und Co so weit mit dem autonomen Fahren sind.
Für die Spargelbauer sind Spargelstecher und -Ernter absolut systemrelevant, mir als Nicht-Spargelesser sind die völlig egal. Dann esse ich eben Kuchen. Meine Reiseverkehrskauffrau ist für mich sehr relevant, da ich mir gerne die Welt ansehe und auch gerne ansatzweise weiß, wo und zu welchem Preis ich die Nächte verbringe. Der Pilot der Maschine, die mich da hinbringt, ist für mich ebenfalls systemrelevant, Lokführer brauche ich keine, ich fahre so gut wie gar nicht mit der Bahn. Von einem egoistischen Standpunkt haben unterschiedliche Berufe also für mich unterschiedliche Relevanzen, abhängig von meinem Lebensstil und meinen Präferenzen. Ich brauche kein Nagelstudio, ich kann mir die Finger- und Fußnägel selbst schneiden. Anderen aber ist das so wichtig, dass sie sogar bereit sind, dafür Geld auszugeben, dass ihnen jemand bunte Bilder auf die Haut aufmalt. Wer bin ich, das zu be- und verurteilen?
Sicher ist es für eine funktionierende Sozial- und Solidargemeinschaft wichtig, dass jemand den Müll entsorgt. Sind aber deswegen Anwälte weniger wichtig und eigentlich überbezahlt? Wenn mir morgen ein Bußgeldbescheid über 25.000 Euro ins Haus wegen des Verstoßes gegen irgendein Corona-Gebot ins Haus flattert, glaube ich nicht, dass ich die Lösung meines Problems mit der Busfahrerin draußen oder dem Mundschutznäher des Krankenhauses besprechen sollte. Da halte ich einen Rechtanwalt doch für sinnvoller. Und was ist mit dem Kraftwerksmeister, der dafür sorgt, dass ich beim Druck auf den Lichtschalter auch Licht bekomme?
Gut, ich könnte auch auf Kerzen umsteigen – nur brauche ich dazu eine Firma und einen Arbeiter, der Kerzen produziert. Und einen Lohnbuchhalter. Und einen Einkäufer. Und einen Bankkaufmann, der den Kredit zum Kauf des Materials vorschießt. Die gleichen Lohnbuchhalter und Einkäufer sitzen auch in den Krankenhäusern und in der Supermarktverwaltung und sehen zu, dass das beklatschte Personal auch bezahlt wird. Sind die also jetzt weniger wichtig als die Pflegerin oder der Pfleger „am Mann/an der Frau“? Warum aber bekommt der Kerzenzieher weniger Gehalt als der Lohnbuchhalter? Ich vermute, dass es daran liegt, dass der Lohnbuchhalter spezialisierter als der Kerzenzieher arbeitet. Dass der Lohnbuchhalter eine zeitintensivere Ausbildung genossen hat als der Kerzenzieher. Da ein Rechtsanwalt noch mehr Zeit in seine Ausbildung als der Lohnbuchhalter gesteckt hat, verdient er sogar noch mehr – wenn er denn genug Klienten hat.
Nehmen wir den Busfahrer, der tapfer potenziell tödlich kranke Fahrgäste befördert: Ohne den Arbeiter am Fließband, der den Bus gebastelt hat und ohne die Mechatronikerin, die seinen Bus wartet, fährt der Busfahrer gar nichts. Auch nicht ohne den oben erwähnten Lohnbuchhalter, auch nicht ohne die Disponentin und auch nicht ohne die Beamtin, die die Busfahrpläne erstellt hat. Er fährt nicht ohne den Straßenwart, den Produzenten der Verkehrsschilder und die Ein- und Verkäufer von dessen Firma und er fährt auch nicht ohne den Ingenieur und die Designerin, die Technik und Ausstattung seines jetzigen Busses und seines nächsten Busses planen. Er könnte nicht ohne den Fahrschullehrer fahren, der ihn ausgebildet hat und er fährt nicht einmal ohne die Polizistin, die darauf achtet, dass keine Idiotin die Busspur zuparkt. Er fährt auch nicht in einer Stadt, in der es weder Wirtshäuser, Biergärten nebst Personal, noch Friseure, noch Boutiquenbesitzer gibt, schlicht, weil da keiner hinwill. Er fährt nicht ohne den Versicherungskaufmann, der den Beitrag für die Haftpflichtversicherung kalkuliert hat und er fährt nicht ohne den Bankkaufmann, der dem Bushersteller den Warenkredit für das Rohmaterial genehmigt hat. Er fährt auch nicht ohne das Kindergartenpersonal und die Lehrerschaft, die seine Kinder betreuen und ausbilden. Ja, unser Busfahrer kann nicht einmal ohne die Reiseverkehrskauffrau in den wohlverdienten Urlaub fahren, es sei denn, er wählt nur Orte, die er selbst mit dem Bus erreichen kann und an denen er die Landessprache beherrscht – sonst wird es mit der Zimmerbuchung etwas blöde und kompliziert. Bei der Hotelbesitzerin, die ja irgendwie auch nicht „systemrelevant“ ist. Tschüss Mallorca.
Die nette Geste des Fensterklatschens mag ihn freuen – aber wer wirklich meint, unser Busfahrer bräuchte mehr Gehalt: Der kann ihm, genauso wie dem Pfleger und der Putzkraft im Krankenhaus, gerne zehn oder zwanzig Euro Trinkgeld zahlen. Niemand hindert mich, einem anderen Menschen Geld zu schenken oder zu spenden. Zumindest, solange es noch Bargeld gibt. Aber auch da ist unser Staat ja dran, das abzuschaffen, der ist nämlich sauer, wenn er keine Steuern und Sozialabgaben kassieren kann. Hier hilft übrigens eine Steuerberaterin. Welche Berufe sind also nicht „systemrelevant“ und haben kein Fensterklatschen verdient?
Bei solch überbordender Freude über die stillen Helden der Alltagstätigkeit und ohne deren Verdienste um die Gesellschaft schmälern zu wollen: Es wird doch gerne vergessen, wie unsere Wirtschaft so funktioniert. Ketzerisch gefragt: Wer braucht schon einen Bankkaufmann oder eine Reiseverkehrskauffrau? Sind eine Boutiquenbesitzerin und ein Friseur wirklich „systemrelevant“? Und wer entscheidet das?
Für die Spargelbauer sind Spargelstecher und -Ernter absolut systemrelevant, mir als Nicht-Spargelesser sind die völlig egal. Dann esse ich eben Kuchen. Meine Reiseverkehrskauffrau ist für mich sehr relevant, da ich mir gerne die Welt ansehe und auch gerne ansatzweise weiß, wo und zu welchem Preis ich die Nächte verbringe. Der Pilot der Maschine, die mich da hinbringt, ist für mich ebenfalls systemrelevant, Lokführer brauche ich keine, ich fahre so gut wie gar nicht mit der Bahn. Von einem egoistischen Standpunkt haben unterschiedliche Berufe also für mich unterschiedliche Relevanzen, abhängig von meinem Lebensstil und meinen Präferenzen. Ich brauche kein Nagelstudio, ich kann mir die Finger- und Fußnägel selbst schneiden. Anderen aber ist das so wichtig, dass sie sogar bereit sind, dafür Geld auszugeben, dass ihnen jemand bunte Bilder auf die Haut aufmalt. Wer bin ich, das zu be- und verurteilen?
Sicher ist es für eine funktionierende Sozial- und Solidargemeinschaft wichtig, dass jemand den Müll entsorgt. Sind aber deswegen Anwälte weniger wichtig und eigentlich überbezahlt? Wenn mir morgen ein Bußgeldbescheid über 25.000 Euro ins Haus wegen des Verstoßes gegen irgendein Corona-Gebot ins Haus flattert, glaube ich nicht, dass ich die Lösung meines Problems mit der Busfahrerin draußen oder dem Mundschutznäher des Krankenhauses besprechen sollte. Da halte ich einen Rechtanwalt doch für sinnvoller. Und was ist mit dem Kraftwerksmeister, der dafür sorgt, dass ich beim Druck auf den Lichtschalter auch Licht bekomme?
Gut, ich könnte auch auf Kerzen umsteigen – nur brauche ich dazu eine Firma und einen Arbeiter, der Kerzen produziert. Und einen Lohnbuchhalter. Und einen Einkäufer. Und einen Bankkaufmann, der den Kredit zum Kauf des Materials vorschießt. Die gleichen Lohnbuchhalter und Einkäufer sitzen auch in den Krankenhäusern und in der Supermarktverwaltung und sehen zu, dass das beklatschte Personal auch bezahlt wird. Sind die also jetzt weniger wichtig als die Pflegerin oder der Pfleger „am Mann/an der Frau“? Warum aber bekommt der Kerzenzieher weniger Gehalt als der Lohnbuchhalter? Ich vermute, dass es daran liegt, dass der Lohnbuchhalter spezialisierter als der Kerzenzieher arbeitet. Dass der Lohnbuchhalter eine zeitintensivere Ausbildung genossen hat als der Kerzenzieher. Da ein Rechtsanwalt noch mehr Zeit in seine Ausbildung als der Lohnbuchhalter gesteckt hat, verdient er sogar noch mehr – wenn er denn genug Klienten hat.
Nehmen wir den Busfahrer, der tapfer potenziell tödlich kranke Fahrgäste befördert: Ohne den Arbeiter am Fließband, der den Bus gebastelt hat und ohne die Mechatronikerin, die seinen Bus wartet, fährt der Busfahrer gar nichts. Auch nicht ohne den oben erwähnten Lohnbuchhalter, auch nicht ohne die Disponentin und auch nicht ohne die Beamtin, die die Busfahrpläne erstellt hat. Er fährt nicht ohne den Straßenwart, den Produzenten der Verkehrsschilder und die Ein- und Verkäufer von dessen Firma und er fährt auch nicht ohne den Ingenieur und die Designerin, die Technik und Ausstattung seines jetzigen Busses und seines nächsten Busses planen. Er könnte nicht ohne den Fahrschullehrer fahren, der ihn ausgebildet hat und er fährt nicht einmal ohne die Polizistin, die darauf achtet, dass keine Idiotin die Busspur zuparkt. Er fährt auch nicht in einer Stadt, in der es weder Wirtshäuser, Biergärten nebst Personal, noch Friseure, noch Boutiquenbesitzer gibt, schlicht, weil da keiner hinwill. Er fährt nicht ohne den Versicherungskaufmann, der den Beitrag für die Haftpflichtversicherung kalkuliert hat und er fährt nicht ohne den Bankkaufmann, der dem Bushersteller den Warenkredit für das Rohmaterial genehmigt hat. Er fährt auch nicht ohne das Kindergartenpersonal und die Lehrerschaft, die seine Kinder betreuen und ausbilden. Ja, unser Busfahrer kann nicht einmal ohne die Reiseverkehrskauffrau in den wohlverdienten Urlaub fahren, es sei denn, er wählt nur Orte, die er selbst mit dem Bus erreichen kann und an denen er die Landessprache beherrscht – sonst wird es mit der Zimmerbuchung etwas blöde und kompliziert. Bei der Hotelbesitzerin, die ja irgendwie auch nicht „systemrelevant“ ist. Tschüss Mallorca.
Oder Kultur: Braucht unser Busfahrer Musiker, Comedians, Literaten? Braucht er nicht, wenn er taub oder blind oder beides ist. Allerdings fährt er dann auch keinen Bus mehr. Ansonsten findet er es vielleicht ganz angenehm, in seiner Freizeit Musik zu hören, zu lesen (selbst, wenn es nur die BILD sein sollte) und zu lachen. Oder wenigstens in ein Kino zu gehen, dessen Filme entweder möglichst gute Schauspieler oder möglichst gute Programmierer brauchen. Und einen Regisseur. Und einen Friseur. Und einen Maskenbildner und Kulissenbauer und Kameramann. Und einen, der die Storyboards malt. Und den Drehbuchautoren. Oder er schaut sich schon gedrehte Filme an, wozu er aber immer noch den Kinobetreiber und den Typen braucht, der die Filme im Keller liegen hat. Und wenn er lustige Bilder auf seiner Haut haben will, kann er entweder zum Kuli greifen – oder eben zum Tätowierer gehen, der das hoffentlich beständiger, professioneller und hygienischer macht.
Die nette Geste des Fensterklatschens mag ihn freuen – aber wer wirklich meint, unser Busfahrer bräuchte mehr Gehalt: Der kann ihm, genauso wie dem Pfleger und der Putzkraft im Krankenhaus, gerne zehn oder zwanzig Euro Trinkgeld zahlen. Niemand hindert mich, einem anderen Menschen Geld zu schenken oder zu spenden. Zumindest, solange es noch Bargeld gibt. Aber auch da ist unser Staat ja dran, das abzuschaffen, der ist nämlich sauer, wenn er keine Steuern und Sozialabgaben kassieren kann. Hier hilft übrigens eine Steuerberaterin. Welche Berufe sind also nicht „systemrelevant“ und haben kein Fensterklatschen verdient?
Unsere Gesellschaft lebt von Spezialisten und Spezialistinnen jedweder Art und je spezialisierter und seltener und zeitaufwendiger ein Beruf ist, desto besser wird er bezahlt. Das geht sogar so weit, dass ein Mensch eine absolute Hohlmeise sein und keinen annähernd verständlichen und logischen Satz herausbringen kann. Wenn er aber in der Lage ist, einen Ball, der aus jedweder Richtung geflogen kommt, festzuhalten – dann verdient er Millionen in einem Spitzenfußballverein. Bezahlt von den Tausenden von Leuten, die das nicht können, von den Busfahrern, Pflegern, Müllentsorgern, Lohnbuchhaltern, Ärzten, Rechtsanwälten, Bank- und Versicherungskaufleuten, die in ihren Berufen das Geld erwirtschaftet haben, um sich ein Ticket fürs Stadion oder ein Sky-Abo zu kaufen. Und die klatschen dann für ihn.

Ist das nicht süß? Wirklich zuckersüß, wie sie jetzt alle springen, tanzen und singen? Da kommt so ein Ami aus Amirika zur Münchner Sicherheitskonferenz und hält den bei Häppchen und Sekt versammelten grauen Köpfen der europäischen Nomenklatura einen 20-minütigen, freien und fehlerlosen Vortrag über Demokratie und Mehrheiten, verzwergt seine Zuhörer und deklassiert sie und landauf landab fliegen die geohrfeigten Köpfe der Brandmaurer. Da stellt sich dann ausgerechnet ein ausgebildeter Neo-Sozialist wie der Bundespräsident, der vor nicht einmal 12 Monaten den amtierenden Präsidenten der USA als „Hassprediger“ abgekanzelt hat, hin und verbittet sich eine Einmischung der Amerikaner in die lautere und tadellose Demokratie der Schwachkopf-Anzeiger, „So-Done“-Betreiber und Morgens-aus-dem-Bett-Klingler. Da sind sie alle ganz aufgeregt, die, die nicht müde wurden, zu beteuern, dass mit Donald Trump das absolut Böse ins Weiße Haus einziehen wird. Die den altersschwachen Joe Biden zu einem stolzen Führer der freien Welt mit dem absoluten Überblick verklärten, um gleich anschließend Kamala Harris zu einer Lichtgestalt zu verklären, die den Heiligenschein Jesu um Milliarden Lux überstrahlte. Diese Politiker und Medien beschweren sich nun wie mit der Hand in der Keksdose ertappte Kinder über eine Rede, die ihnen, den Führern des Wertewestens und des freiesten und buntesten und diversesten Europas, das es je seit der Belagerung Konstantinopels gab, die demokratischen Leviten liest. Witzig – während ich diese Zeilen schreibe, lese ich auf X, dass der Rechtsanwalt Markus Roscher zu 3.000,- € Geldstrafe verurteilt wurde, weil er in einem Tweet Habeck, Scholz und Baerbock für das Heizungsgesetz als „boshafte Versager“ bezeichnet hat. Sein Waffenschein steht nun wegen „Unzuverlässigkeit“ ebenfalls zur Diskussion. Außerdem muss er im „Wiederholungsfall“ – nämlich, dass er die Genannten „in ihrem öffentlichen Wirken erheblich beeinträchtigt“ – damit rechnen, dass ihm der Entzug seiner Anwaltslizenz droht. Außerdem wurde er gewarnt, dass er im Einspruchsverfahren mit einer noch höheren Geldstrafe rechnen müsste. Sieht so die Meinungsfreiheit „unserer Demokratie“ aus? Das exakt ist es, was Vance mit seiner Rede gemeint hat. Und was unsere Politisierenden und die geneigten Medien vehement und ganz wehrhaft mit wedelnden Armen abstreiten. „Keine Meinungsfreiheit? Stimmt ja gar nicht! Halt die Fresse!“ Ich mag die AfD nicht. Ich finde sie zu wenigstens 60% ganz schrecklich, weil da auch ganz schreckliche Leute mitmachen, deren Stammtische ich schon in Jugendtagen gemieden habe, obwohl es die da noch gar nicht gab. Das spielt in einer Demokratie aber keine Rolle, wen ich mag oder nicht mag. Ich persönlich finde Grüne und Linke noch viel schrecklicher, radikaler und ja – auch gewalttätiger. Erst recht, wenn sie 1933 als Rechtfertigung für Zerstörung und Körperverletzung als Alibi heranziehen. Aber ebenso, wie ich die Einen ertragen muss, muss ich auch die anderen ertragen. Und, als Demokrat, bestenfalls mit beiden reden, weil sie vielleicht ja doch einen Punkt haben. Außerdem ist es unfair und undemokratisch, eine 20%-Partei in ihrer parlamentarischen Arbeit zu behindern und ihnen ihrer Partei zustehende Posten zu verweigern oder Gesetze und Regeln so elegant hinzubiegen, dass sie keine Chance haben, für das Geld, das sie auch von ihren Wählern bekommen, Ihren Job zu machen. Unser Grundgesetz (dessen Hochhalten in Corona bereits bestraft wurde) sieht keine „guten“ und „schlechten“ Wählerstimmen vor. Es gibt schlicht keine Abstufung. Vance hat nichts anderes gesagt als seinerzeit Gorbatschow zu den Betonköpfen im Politbüro: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“. Wer sich nicht um die Anliegen von mindestens 20% - eigentlich aber sogar mehr als 50% aller Wähler kümmert (ja, wir reden hier von illegaler Migration und Union und AfD gemeinsam), der darf sich dann auch nicht wundern, wenn die eigene, überhebliche Arroganz gegenüber dem Wahlvolk, das die ganze Butze finanziert, zur eigenen Abwahl führt. Es ist das tiefste Wesen einer Demokratie, dass es keinen Adel und keine Kaste gibt und das Volk seine Regierungen bei Nichtbeachtung abwählen und einer neuen Regierung eine neue Chance geben kann, darf, soll und – im Eigeninteresse – sogar muss. Nichts anderes hat Vance versucht, seinen europäischen Gesprächspartnern, die nun gemeinsam mit den ihnen gewogenen Medien aufgeregt flügelschlagend umeinanderkreisen, klarzumachen. Und als Antwort bekommt er – und wir – unter dem Strich die gleiche Antwort, die seinerzeit Honecker gab: „Unsere Demokratie in ihrem Lauf halten weder Trump noch Vance auf“. Flankiert von dem üblichen Gesülze von Trump als Sith-Lord mit Musk und Vance als böse Palatine. Die glauben das wirklich! Außerdem hat Vance mit Weidel und Merz gesprochen. GESPROCHEN! Sie haben richtig gelesen. Die Amerikaner haben glasklar erkannt, dass mit der EU und den Wichtigtuern der deutschen Regierungsparteien schlicht „kein Staat“ zu machen ist. „America first“ heißt auch „Europe second“ und die Rede von Vance und die Reaktionen darauf haben tatsächlich gezeigt, mit welchen eitlen und wichtigtuerischen Wichten wir es in „unserer Demokratie“ zu tun haben. Wird sich aber nun etwas ändern? Natürlich nicht. Die europäischen Kleinmächte mit ihren zappeligen Demokratieminderleistern werden sich einigeln und hoffen, dass die nächsten vier Jahre Trump und dann vielleicht vier Jahre Vance an ihnen wie ein Gewittersturm vorüberziehen werden. An uns als Wählern liegt es, ob dies so sein wird.

Haben Sie die Bilder gesehen? Robert Habeck hat eines verbreitet, Olaf Scholz ein anderes. Robert Habeck war nämlich in Auschwitz. Aber nur als Besucher. Olaf Scholz auch, auch als Tourist. Auf dem Bild Robert Habecks sieht man ihn aus der Rückenansicht, wie er zwischen einem Gebäude (dem Krematorium?) und zwei Stacheldrahtzäunen, ganz allein, fast einsam, entlangflaniert. Das ganze Bild, in einen orangen Filter getaucht, erinnert stark an die „Jever“-Werbung. Ein Mann. Seine Gedanken. Ein KZ. Veröffentlicht hat Robert Habeck das Bild auf X mit dem Untertext: „Heute, am 80. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz, habe ich in Polen das Stammlager I und später das Konzentrations- und Vernichtungslager in Auschwitz-Birkenau besucht. Neben dem offiziellen Teil gab es auch ein paar Momente allein. Ich brauche dazu nichts zu sagen, denke ich.“ Ein paar Momente. Allein. Robert Habeck mit sich selbst. Und dem Kameramann. Und den Personenschützern. Möglicherweise auch mit seinem Social-Media-Team und seinem Wahlkampfteam. Aber allein. Hauptsache allein. Mit seinen Gedanken. Und die teilt er mit, indem er sie nicht mitteilt. So isser, unser Robert, gell? So ein eigentlich stiller, besinnlicher und, ja, auch tief philosophischer Typ. Ich kann mich nicht gegen meine Phantasie wehren. Ich sehe mich mit Robert Habeck und seinem Team da, in dieser Todesgasse stehen und das, was wie ein Schnappschuss – welch grässliches Wort in einem Konzentrationslager – aussieht, inszenieren: „Robert, wir machen das von hinten. Wie in der Werbung. Geh ein paar Schritte nach da. Nicht umdrehen, Robert, NICHT UMDREHEN, HERRGOTT, ja, so isses gut, Stimmt das Licht, Malte? Klasse. Nicht so weit weg, Robert, es muss zufällig aussehen und wir können das Stativ und das Licht nicht hinter Dir hertragen. Geh nochmal so… JA, PASST, IS IM KASTEN! Super Robert, das wird ein Kracher!“ Ein Hauch von Bierwerbung weht durch das Bild: Wie das KZ, so das Jever. Ich weiß nicht, ob er oder Olaf Scholz schneller war, unser Kanzler ließ sich von hinten insze… fotografieren, wie er vor einem der Öfen im Krematorium steht. Mittig. Im gedämpften Licht. Besinnlich und sich besinnend. Ob er da ein Gebet gesprochen hat? Man weiß es nicht, aber die Bildkomposition ist sehr schön, sehr symmetrisch. Da hat das Fotografierende gut mitgedacht. Diesen beiden Typen ist das vielleicht grausigste und grausamste Vernichtungslager der Welt nicht zu schade, um sich zu Wahlkampf- und Eigendarstellungszwecken optisch hübsch in Szene zu setzen, um einen auf „besinnlich“ zu machen. Das, was vor Ort passiert ist, wo Menschen verprügelt, verreckt und schlussendlich vergast wurden, wird heute von ganz aufrecht unserdemokratischen Politikern zur Gruselkulisse für nicht hässliche Bilder, zum „Auschwitzland“ für professionelles Trauern herabgewürdigt. Wahres und echtes Gedenken braucht keine Pressefotografen, sondern Ruhe und Geschichtsbewusstsein, was ich mit einem Pulk von Fotografen, Security und Begleitentourage für höchst schwierig halte. Beide Bilder haben einen bitteren Beigeschmack von „Halloho? Ich trauere und bin nachdenklich! Seht Ihr, wie ich trauere? Seht Ihr es? Kinners, hierher, ich trauere! Guck, da der Ofen, da der Stacheldraht, schrecklich. Soll ich nochmal im Halbprofil…?“ Es gibt vielleicht noch eine Handvoll Leute, die aus Auschwitz entkommen und bewusst erzählen können, wie es war und auch sie werden bald gestorben sein. Wer als 10-jähriger da hinkam und überlebte, ist spätestens 1935 geboren und heute 90 Jahre alt. In zehn bis zwanzig Jahren wird die Erinnerung an den Holocaust nur noch virtuell in Filmen und Literatur gegenwärtig sein, da es keine Zeitzeugen mehr gibt, die das Monströse dieses Ortes aus eigener Anschauung vermitteln können. Dann wird Auschwitz endgültig zur Gedenkkulisse von Politikern herabgewürdigt werden, wenn die Museumsleitung hier nicht eingreift. Eigentlich sollte auf dem gesamten Gelände ein Fotografier-Verbot herrschen. Auch und besonders für Politiker. Das ist kein Ort, um Besinnlichkeit zu heucheln und publikumswirksame Bilder zu schießen. Oder lustige Selfies für Instagram und Tiktok zu machen. Was kommt als Nächstes? „My friends went to Auschwitz and all I got was this lousy T-Shirt“? Das ist Auschwitz. Der Ort eines der größten Verbrechen der Menschheit. Ein Ort, an dem Täter zu viehischen Barbaren und Opfer zur vernichtbaren Objekten herabgewürdigt wurden. Ein Ort, gegen den die Hölle ein angenehmer Platz sein muss. Ein Ort, an dem es keine Moral und keine Menschlichkeit mehr gab. Und an diesem Ort standen zwei Politiker in guter Ausleuchtung und simulierten Anteilnahme. Dann reisten sie wieder ab und beschlossen, noch mehr Judenhasser ins Land zu lassen. Es widert mich nur noch an.


