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Stadtbummel mit Kippa

Thilo Schneider und Nicole Wenzel • 1. Juni 2019

"Leben am Limit?"

Der Antisemitismusbeauftrage der Bundesregierung, Felix Klein, hat Juden davor gewarnt, „in manchen Gegenden“ Kippa zu tragen. Der Außenminister mit Personenschutz und Panzerlimousine, Heiko Maas, trägt Kippa, um „Gesicht zu zeigen“. Tapfer tapfer.

Zeit also, die Kippa mal nicht in Berlin-Halbmondberg oder Düsbürg aufzusetzen, sondern in einem Provinzschtetl wie Aschaffenburg auszuprobieren und den Praxistest zu machen.

Die Vorbereitung: Jüdische Freunde fragen, was sie von der Aktion halten und ob man eine Kippa leihen könne. Ich bin privilegiert genug, ein paar Juden von der noch in Deutschland lebenden Handvoll Juden zu kennen. Per Eilexpress bekomme ich eine Kippa am Samstagmorgen. Meine Bekannten empfehlen mir, mal lieber nicht ohne Personenschutz zu gehen. Ich entscheide mich für meine Lebensgefährtin.

Der Plan: Wir gehen die Punkte ab, die wir auch an jedem anderen Samstagmorgen gehen würden, weder werde ich die berühmte „Orientzeile“ mit ihren Dönerbuden, Goldankaufsläden, Nagelstudios und Teppichläden meiden, noch werde ich mich vor der Mili-Görus-Moschee oder am Bahnhof aufklappen. Also weder ängstliches Vermeiden, noch bewusste Provokation. Für heute bin ich ein „Fake-Jude“, der mit seiner Frau einen Stadtbummel macht. Die Diskussion, ob ich hier „kulturelle Aneignung“ begehe, lässt sich mit dem Argument vom Tisch wischen, dass es ja auch genug deutsche Frauen gibt, die sich testweise unters Kopftuch oder in die Burka werfen. Außerdem tragen auch IS-Sympathisanten und Hardcore-Muslime Jeans, Sneakers und Nike-T-Shirts. Und der Außenminister erwartet das ja auch von mir. Frag nicht, was Dein Land für Dich tun kann... Rutscht mir den Buckel herunter.

Die „Bühne“: Aschaffenburg ist eine Stadt mit 70.000 Einwohnern. Juden – zumal gläubige Juden, lassen sich mutmaßlich an den Fingern einer Hand abzählen. Wir haben hier keine jüdische Gemeinde, meine städtischen Vorfahren und Ahnen haben hier in den 40ern ganze grausame Arbeit geleistet. Von sowieso schon lächerlich geringen knapp 600 Juden gab es 1945 keinen einzigen mehr.

Die Kommentare im Vorfeld hatten den gleichen Tenor: „Du bist mutig“ und „pass auf Dich auf“. Als optimistischer und positiver Mensch möchte ich nicht daran glauben müssen, dass es mutig ist, in Aschaffenburg mit einer Kippa auf die Straße zu gehen. Ich vertraue meinen Mitaschaffenburgern und ein paar davon kenne ich ja auch aus der politischen Tätigkeit. Außerdem ist heute aufgrund des stattfindenden CSD und des gleichzeitigen Weinfests sowieso die Stadt voll, der Trubel sollte also auch einen gewissen Schutz bieten.

Also Kippa aufgesetzt und so geht es um ca. 11.00 Uhr los. Ich schlafe gerne und lange aus.

Station 1: Cafe „Human“. Ein, wie man sagen würde, alternatives Café mit einem hervorragenden Frühstück. Wir suchen uns ein Plätzchen im Schatten, es ist warm und wir schauen den Vorbeiflanierenden zu. Die Kippa rutscht, wenn ich den Kopf nach hinten lege oder zu hastige Bewegungen mache. Wir hätten sie doch mit Spängelchen fixieren sollen, wie es mir meine jüdische Bekannte empfohlen hat. Aber ich weiß ja immer alles besser. Es gibt gelegentlich verstohlene Blicke oder ein zweites Hinsehen. Es gibt hier keine Juden, eine Kippa ist schon eine kleine Sensation und ich würde die Reaktionen eher in Richtung „so sehen also Juden aus“ deuten. Was witzig ist. Ich bin ein Atheist mit einer Kippa. Aber ich habe ja kein Schild um den Hals, nur eines auf dem Kopf. Wir bleiben ca. eine Stunde und treffen dort einen Bekannten, der die Kippa amüsiert zur Kenntnis nimmt.

Station 2: DM-Drogeriemarkt. Meine Lebensgefährtin kauft Spängelchen, weil das Ding dauernd rutscht, auch, wenn es sich sehr angenehm trägt. Ich bleibe vor dem Laden stehen und rauche ein Zigarillo. Als wir an einem Dönerladen vorbeigehen, verstummt das vorher laute Gespräch zweier „südländisch aussehender“ Gäste, die mich kurz ansehen, als sei ich ein fliegendes Pferd. Das war es aber schon an Reaktion.

Station 3: Vor dem FDP-Parteibüro. Ich lasse mich fotografieren und wir treffen Bekannte, die sich teils verwundert, teils amüsiert zeigen und „das gut finden“, dass ich „den Mut habe...“, blablabla

Station 4: Bei der Goldschmiedesignerin und über Trauringe diskutieren. Fast zwei Stunden lang. Das ist hier „safe space“, es kommen relativ wenige Kunden und wir schauen uns diverse Varianten an und finden „unsere“ Ringe.

Station 5: Stadtbummel durch die Fußgängerzone, grob einen Kilometer. Viele Leute schauen zwei Mal hin, um zu verifizieren, was sie sehen. Aber niemand kommentiert oder ist aggressiv. Ich habe nichts anderes erhofft. Wir passieren einen von einem „südländisch aussehenden“ Inhaber geführten Obstladen, der mich freundlich grüßt. Ich grüße mit „guten Tag“ zurück, statt mit einem Shalom. Ich habe mich jetzt so an die Kippa gewöhnt, dass ich vergessen habe, dass ich sie trage.

Station 6: Meine Bodyguardin möchte gerne ein neues Kleid zur Belohnung, weil sie mich bisher so tapfer beschützt hat. Wir besuchen den TK-Maxx, denn Teures muss nicht gut sein und außerdem habe ich ja wahlweise das Klischee des reichen oder des geizigen oder des armen Juden zu erfüllen. Mein toter Onkel, der damals mit seinen 17 Jahren in den Waffen-SS gedient hat, explodiert mit einem Knall.

Station 7: Wir haben Hunger. Auf ins Asia-Lokal, bei dem man so schön draußen sitzen kann. Ein paar Meter weiter findet eine Capoeira - Demonstration mit lauter Musik statt. Ich fühle mich etwas, als würde ich in Tel Aviv sitzen, obwohl ich da noch nie war. Aber es hat etwas von Urlaub. Die erstaunten Rückenblicke bleiben, meine Lebensgefährtin, die mir gegenüber sitzt, berichtet mir das quasi als Relais. Ein paar „südländisch aussehende“ Jugendliche kommen vorbei und registrieren die Kippa im Vorübergehen, zeigen aber keinerlei feindliche oder ablehnende Reaktion. Das gleiche lässt sich auch von einer „nordseeisch aussehenden“ Schrankwand mit in altdeutscher Schrift bedrucktem T-Shirt sagen. Kurzer Blick, aber keine Reaktion. Mein Handy macht die Grätsche, weil ich vergessen habe, es aufzuladen. Nix mehr mit Foto-Doku. Wir treffen zwei flüchtige Bekannte, die die Kippa nicht einmal zu bemerken scheinen.

Station 8: Zu Hause. Ich habe bis hierher überlebt und wir haben heute noch eine Verabredung im Biergarten. Ich will die Kippa absetzen, aber meine Gefährtin insistiert, dass heute Kippa-Tag sei. Ich muss es also auflassen, das angespängelte Ding. Da wir mit dem Fahrrad fahren wollen, bin ich auf die Sporttauglichkeit der Kippa gespannt. Ist es wie mit einer Binde, mit der man ebenfalls Fahrrad fahren und schwimmen kann? Die Spängelchen werden Arbeit bekommen.

Station 9: Biergarten. Nach ca. 20 Minuten mit dem Fahrrad bin ich schlapper als nach einem EKG und das Wasser läuft mir vorne und hinten herunter. Die Kippa hat prima durchgehalten und mich vor einem frühabendlichen Sonnenbrand auf dem Hinterkopf beschützt. Möglicherweise war das ihr originärer Sinn? Ein halber Liter Radler entschädigt mich und ich habe nach zwei Stunden Ruhepuls. Die Kippa wurde von den ungefähr 200 Anwesenden ignoriert, die Menschen um mich herum, auch explizit unsere fremden Sitznachbarn, gingen damit entspannt um. Eine Dame fragte mich zwei Mal nach Feuer, alles war sehr unverfänglich.

Station 10: Wieder zu Hause und ich setze die Kippa nach 11 Stunden wieder ab. Fazit: Was Aschaffenburg angeht, so hatte ich als „Fake-Jude“, trotz anfänglich mulmigen Gefühls und natürlich leichten Bedenken, keine Probleme und habe und konnte mich so wie immer verhalten. Ich bin sehr stolz auf „meine“ Aschaffenburger. Ob ich nun aber jeden Tag mit Kippa gehen würde, weiß ich nicht. Das Problem sind ja nicht die 9.999 netten Leute, denen ich heute begegnet bin – es genügt ja der eine Geistesgestörte, dem ich dann möglicherweise begegnen würde.

Soziale Brennpunkte habe ich, wie sonst auch, gemieden. Außerdem bin ich kein Jude und habe nicht deren Erfahrungshorizont und geschichtlich-kulturellen Hintergrund. Von daher kann ich nur von „Spazierengehen mit Kippa“, nicht von „Jude in Deutschland sein“ berichten. Die beiden Dinge dürfen nicht verwechselt werden. Ich traf auf neugierige und verwunderte oder verschämte Blicke – aber auf die wäre ich auch getroffen, hätte ich einen religiös unverfänglichen Zaubererhut oder eine Melone (den Hut, nicht die Frucht) getragen.

Ist Deutschland, sind „die Deutschen“ antisemitisch? Ich weiß es nicht. Ein paar Idioten hast du in jedem Club und wenn zehn Atomphysiker zusammenstehen, ist auch einer davon der Dümmste. Ich hatte zumindest heute nicht den Eindruck. Würde ich es wieder tun? In Aschaffenburg definitiv ja – für Offenbach fühle ich mich noch nicht mutig genug. Wenn das dort Mut erfordern sollte. Ich bin aber dankbar für die Erfahrung. Und froh, dass mir nichts passiert ist. Aber – wie gesagt – das habe ich auch nicht oder nur sehr bedingt erwartet. Ich vertraue den Menschen.

Wie sich meine Lebensgefährtin gefühlt hat, was sie gesehen hat – davon berichtet sie selbst:

„Na Super“, hatte ich mir gedacht und „ganz großes Kino. Wir wollen uns doch am Samstag Zeit für unseren Eheringkauf nehmen.“ Jetzt sehe ich den romantischen Tag und Thilos Konzentration auf kleine Ringe, die für mich nicht Mainstream sein dürfen, langsam schwinden. Dieser Samstag ist mir absolut wichtig gewesen und ich hatte ihn extra in Thilos Kalender geblockt. „Traumhaft“ denke ich außerdem und genervt bin ich auch. Es kann bei uns nie bei einem Thema bleiben. Einem von uns fällt immer irgendwelcher Bonus-Unsinn ein. Selten aber so einer, dass er mich wirklich beunruhigt. Diesmal ist das anders. Thilo will eine Kippa tragen. An einem sonnigen Samstag in Aschaffenburg. Den ganzen Tag. Grandios. Ich finde „Solidarität zeigen“ sowie den Kampf gegen Antisemitismus wichtig, habe aber die Warnungen von jüdischen Bekannten und deren Befürchtungen im Ohr. Ich sehe uns schon umringt von Neugierigen, diskutierend die Eheringe vergessend, und starrende Blicke fühle ich in unsere Rücken gebohrt. Spuckende Passanten ziehen an meinem geistigen Blickfeld vorüber und wüste Beschimpfungen kann ich auch in meiner Fantasie hören.

„Nimm auf jeden Fall jemanden mit!“, hatte eine gute Freundin Thilo geraten. Dieser Rat war keiner, der mich beruhigte. Im Gegenteil. So habe ich doch von jüdischen Jugendlichen erfahren, die Angst haben.

Angst derzeit in Deutschland.

In Aschaffenburg gibt es an dem Ort, an dem damals die Juden zur Deportation gesammelt wurden, eine Gedenkplakette, auf der zur Erinnerung an Antifaschisten und Opfer des Naziterrors gemahnt wird, aber nicht explizit an die Juden, die DIE Opfer des Regimes waren. Ich lese und höre, dass Antisemitismus greifbar ist.

Greifbar in unserer Mitte. Ausgehend von religiösen oder territorialen Fanatikern und, für mich noch unglaublicher, auch von Deutschen.

Ich halte mich für frei von Antisemitismus. Ich bin sicher aber rassistisch. Ich sehe Unterschiede bei unser aller Hautfarben oder Gesichtsformen und bin nicht frei von Klischeedenken. Vom Grundprinzip her sind mir aber Hautfarbe und Religion meiner Mitmenschen egal, solange mich keiner missionieren will oder als „deutsche Schlampe“ bezeichnet. Die Juden, die ich kenne, kann ich an meinen beiden Händen abzählen. Einige davon kenne ich nur virtuell. Die größten Berührungen mit dem Judentum hatte ich mit Fran Drescher und Mrs. Maisel. Ich habe keine Ahnung, wie viele Juden in Aschaffenburg derzeit leben.

Weiterhin bin ich mir nicht im klaren darüber, ob diese sich aufgrund ihrer Abstammung überhaupt mit dem „jüdisch sein“ identifizieren. Welche Rolle spielt ein religiöses Kleidungsstück in einer Zeit, in der wir darüber diskutieren, ob Kopftücher und Schleier in öffentlichen Räumen erlaubt sein sollten?

Für mich ist unser Tag gedanklich überschattet von dem kleinen blauen Satinkäppchen, das ich am Morgen auf Thilos frisch geschnittenes Haar setze, bevor wir das Haus verlassen. Sobald wir aus unserer Haustüre treten, stehen wir in einem der angesagtesten Szeneschuppen der Stadt. Dort, wo das Leben tobt. Wir gehen an den voll besetzten Tischen mit gut gekleideten Menschen vorbei zu unserem Zigarettenhändler des Vertrauens. Was passiert? Nichts. Das leichte Unbehagen geht einzig von mir aus. Es fühlt sich an, als würde ich ein Kleidungsstück tragen, von dem ich weiß, dass ich ständig daran herum zupfen werde, weil ich fürchte, dass jeder einzelne Passant auf meine Speckfalte blickt. Von Thilo weiß ich, dass es ihm ähnlich geht. Er verspürt in diesem Moment etwas Befangenheit und ist etwas beunruhigt. Starre Blicke können wir nicht sehen, was uns vermuten lässt, dass die Kippa sich zu dezent in Thilos noch reichlich vorhandenem Haupthaar verbirgt. Das „Human“, unser bevorzugtes Ziel zum Frühstück, hat noch einen freien Tisch. Wir setzen uns und genießen ein herrliches Mahl. In einem etwas ruhigeren Teil des Fußgängerbereichs gelegen, aber dennoch gut besucht und mit mäßig viel Publikumsverkehr, vergessen wir die Kippa schnell. Und so bleibt es auch, bis ein Bekannter dazu stößt. Thilo erklärt auf Nachfrage, dass er die Kippa trägt, weil er den „Empfehlungen des Außenministers“ Folge leistet und weil er wissen will, ob etwas und wenn ja, was passiert. Das war´s.

Manchmal rätseln wir, ob jemand auf die Kippa gafft, aber wir werden quasi enttäuscht. Keiner sieht die Kippa und wenn doch, zeigt niemand daraufhin eine Reaktion. So verhält es sich auch für den Rest des Tages. Ziemlich. Einmal verstummt ein Gespräch, als wir vorübergehen. Zwei sich leidenschaftlich unterhaltende Männer, mutmaßlich Muslime, verstummen abrupt, (erschrocken?) als wir vorbeigehen. Das kann aber jetzt verschiedene Gründe haben. Eine kleine Unterhaltung mit Bekannten schließt sich dem an. Die wollen wissen, was Thilo sich nun schon wieder ausgedacht hat. Beide betonen, wie wichtig das „Augen offen halten“ für solche Themen sei. Belächelt wird Thilo für seine Kippatragerei hier nicht. Anschließend entwerfen wir mit einer Schmuck-Designerin unsere Eheringe. Die Kippa stört dabei nicht und keiner der anderen Kunden guckt komisch.

Flanieren durch die Fußgängerzone mit ausgedehntem Schaufensterbummel? Ist mit Kippa möglich. Zumindest in Aschaffenburg. Beim Essen gibt es eine Handvoll Personen, die sich interessiert herumdreht und auf Thilos Hinterkopf guckt. Ein Passant läuft sogar in Thilos Richtung, nur um kurz vor seiner Rückenlehne abzubremsen und sich wieder herum zu drehen. Dies war die gravierendste Begegnung. Keiner guckt aber angewidert oder feindlich, mir scheint, als blickten die Spazierenden aus Neugierde genauer hin.

Am Abend beim abschließenden Biergartenbesuch will Thilo die Kippa aber abnehmen. Es reicht ihm. Meint er. Ich frage ihn, warum er denn jetzt - zum Abendprogramm- streiken will, mit seinem Experiment. Er weiß darauf keine Antwort. Also trägt er sie weiter. Beim Radfahren, im Biergarten und beim wieder zurück Radfahren. Reaktionen? Keine.

Fazit: Oberflächlich betrachtet kann man sich in Aschaffenburg super mit Kippa unters Volk trauen.

In jenes Geschäft allerdings, in dem ich so spezielle Dinge wie türkischen Rohmilchkäse mit schwarzem Sesam kaufe, wäre ich mit Thilo nicht gegangen. Zu arg herausfordern muss man das Glück nun auch wieder nicht. Aber hier kommt vielleicht auch wieder mein Rassismus zum Tragen.

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Ist das nicht süß? Wirklich zuckersüß, wie sie jetzt alle springen, tanzen und singen? Da kommt so ein Ami aus Amirika zur Münchner Sicherheitskonferenz und hält den bei Häppchen und Sekt versammelten grauen Köpfen der europäischen Nomenklatura einen 20-minütigen, freien und fehlerlosen Vortrag über Demokratie und Mehrheiten, verzwergt seine Zuhörer und deklassiert sie und landauf landab fliegen die geohrfeigten Köpfe der Brandmaurer. Da stellt sich dann ausgerechnet ein ausgebildeter Neo-Sozialist wie der Bundespräsident, der vor nicht einmal 12 Monaten den amtierenden Präsidenten der USA als „Hassprediger“ abgekanzelt hat, hin und verbittet sich eine Einmischung der Amerikaner in die lautere und tadellose Demokratie der Schwachkopf-Anzeiger, „So-Done“-Betreiber und Morgens-aus-dem-Bett-Klingler. Da sind sie alle ganz aufgeregt, die, die nicht müde wurden, zu beteuern, dass mit Donald Trump das absolut Böse ins Weiße Haus einziehen wird. Die den altersschwachen Joe Biden zu einem stolzen Führer der freien Welt mit dem absoluten Überblick verklärten, um gleich anschließend Kamala Harris zu einer Lichtgestalt zu verklären, die den Heiligenschein Jesu um Milliarden Lux überstrahlte. Diese Politiker und Medien beschweren sich nun wie mit der Hand in der Keksdose ertappte Kinder über eine Rede, die ihnen, den Führern des Wertewestens und des freiesten und buntesten und diversesten Europas, das es je seit der Belagerung Konstantinopels gab, die demokratischen Leviten liest. Witzig – während ich diese Zeilen schreibe, lese ich auf X, dass der Rechtsanwalt Markus Roscher zu 3.000,- € Geldstrafe verurteilt wurde, weil er in einem Tweet Habeck, Scholz und Baerbock für das Heizungsgesetz als „boshafte Versager“ bezeichnet hat. Sein Waffenschein steht nun wegen „Unzuverlässigkeit“ ebenfalls zur Diskussion. Außerdem muss er im „Wiederholungsfall“ – nämlich, dass er die Genannten „in ihrem öffentlichen Wirken erheblich beeinträchtigt“ – damit rechnen, dass ihm der Entzug seiner Anwaltslizenz droht. Außerdem wurde er gewarnt, dass er im Einspruchsverfahren mit einer noch höheren Geldstrafe rechnen müsste. Sieht so die Meinungsfreiheit „unserer Demokratie“ aus? Das exakt ist es, was Vance mit seiner Rede gemeint hat. Und was unsere Politisierenden und die geneigten Medien vehement und ganz wehrhaft mit wedelnden Armen abstreiten. „Keine Meinungsfreiheit? Stimmt ja gar nicht! Halt die Fresse!“ Ich mag die AfD nicht. Ich finde sie zu wenigstens 60% ganz schrecklich, weil da auch ganz schreckliche Leute mitmachen, deren Stammtische ich schon in Jugendtagen gemieden habe, obwohl es die da noch gar nicht gab. Das spielt in einer Demokratie aber keine Rolle, wen ich mag oder nicht mag. Ich persönlich finde Grüne und Linke noch viel schrecklicher, radikaler und ja – auch gewalttätiger. Erst recht, wenn sie 1933 als Rechtfertigung für Zerstörung und Körperverletzung als Alibi heranziehen. Aber ebenso, wie ich die Einen ertragen muss, muss ich auch die anderen ertragen. Und, als Demokrat, bestenfalls mit beiden reden, weil sie vielleicht ja doch einen Punkt haben. Außerdem ist es unfair und undemokratisch, eine 20%-Partei in ihrer parlamentarischen Arbeit zu behindern und ihnen ihrer Partei zustehende Posten zu verweigern oder Gesetze und Regeln so elegant hinzubiegen, dass sie keine Chance haben, für das Geld, das sie auch von ihren Wählern bekommen, Ihren Job zu machen. Unser Grundgesetz (dessen Hochhalten in Corona bereits bestraft wurde) sieht keine „guten“ und „schlechten“ Wählerstimmen vor. Es gibt schlicht keine Abstufung. Vance hat nichts anderes gesagt als seinerzeit Gorbatschow zu den Betonköpfen im Politbüro: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“. Wer sich nicht um die Anliegen von mindestens 20% - eigentlich aber sogar mehr als 50% aller Wähler kümmert (ja, wir reden hier von illegaler Migration und Union und AfD gemeinsam), der darf sich dann auch nicht wundern, wenn die eigene, überhebliche Arroganz gegenüber dem Wahlvolk, das die ganze Butze finanziert, zur eigenen Abwahl führt. Es ist das tiefste Wesen einer Demokratie, dass es keinen Adel und keine Kaste gibt und das Volk seine Regierungen bei Nichtbeachtung abwählen und einer neuen Regierung eine neue Chance geben kann, darf, soll und – im Eigeninteresse – sogar muss. Nichts anderes hat Vance versucht, seinen europäischen Gesprächspartnern, die nun gemeinsam mit den ihnen gewogenen Medien aufgeregt flügelschlagend umeinanderkreisen, klarzumachen. Und als Antwort bekommt er – und wir – unter dem Strich die gleiche Antwort, die seinerzeit Honecker gab: „Unsere Demokratie in ihrem Lauf halten weder Trump noch Vance auf“. Flankiert von dem üblichen Gesülze von Trump als Sith-Lord mit Musk und Vance als böse Palatine. Die glauben das wirklich! Außerdem hat Vance mit Weidel und Merz gesprochen. GESPROCHEN! Sie haben richtig gelesen. Die Amerikaner haben glasklar erkannt, dass mit der EU und den Wichtigtuern der deutschen Regierungsparteien schlicht „kein Staat“ zu machen ist. „America first“ heißt auch „Europe second“ und die Rede von Vance und die Reaktionen darauf haben tatsächlich gezeigt, mit welchen eitlen und wichtigtuerischen Wichten wir es in „unserer Demokratie“ zu tun haben. Wird sich aber nun etwas ändern? Natürlich nicht. Die europäischen Kleinmächte mit ihren zappeligen Demokratieminderleistern werden sich einigeln und hoffen, dass die nächsten vier Jahre Trump und dann vielleicht vier Jahre Vance an ihnen wie ein Gewittersturm vorüberziehen werden. An uns als Wählern liegt es, ob dies so sein wird.
von Thilo Schneider 2. Februar 2025
Haben Sie die Bilder gesehen? Robert Habeck hat eines verbreitet, Olaf Scholz ein anderes. Robert Habeck war nämlich in Auschwitz. Aber nur als Besucher. Olaf Scholz auch, auch als Tourist. Auf dem Bild Robert Habecks sieht man ihn aus der Rückenansicht, wie er zwischen einem Gebäude (dem Krematorium?) und zwei Stacheldrahtzäunen, ganz allein, fast einsam, entlangflaniert. Das ganze Bild, in einen orangen Filter getaucht, erinnert stark an die „Jever“-Werbung. Ein Mann. Seine Gedanken. Ein KZ. Veröffentlicht hat Robert Habeck das Bild auf X mit dem Untertext: „Heute, am 80. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz, habe ich in Polen das Stammlager I und später das Konzentrations- und Vernichtungslager in Auschwitz-Birkenau besucht. Neben dem offiziellen Teil gab es auch ein paar Momente allein. Ich brauche dazu nichts zu sagen, denke ich.“ Ein paar Momente. Allein. Robert Habeck mit sich selbst. Und dem Kameramann. Und den Personenschützern. Möglicherweise auch mit seinem Social-Media-Team und seinem Wahlkampfteam. Aber allein. Hauptsache allein. Mit seinen Gedanken. Und die teilt er mit, indem er sie nicht mitteilt. So isser, unser Robert, gell? So ein eigentlich stiller, besinnlicher und, ja, auch tief philosophischer Typ. Ich kann mich nicht gegen meine Phantasie wehren. Ich sehe mich mit Robert Habeck und seinem Team da, in dieser Todesgasse stehen und das, was wie ein Schnappschuss – welch grässliches Wort in einem Konzentrationslager – aussieht, inszenieren: „Robert, wir machen das von hinten. Wie in der Werbung. Geh ein paar Schritte nach da. Nicht umdrehen, Robert, NICHT UMDREHEN, HERRGOTT, ja, so isses gut, Stimmt das Licht, Malte? Klasse. Nicht so weit weg, Robert, es muss zufällig aussehen und wir können das Stativ und das Licht nicht hinter Dir hertragen. Geh nochmal so… JA, PASST, IS IM KASTEN! Super Robert, das wird ein Kracher!“ Ein Hauch von Bierwerbung weht durch das Bild: Wie das KZ, so das Jever. Ich weiß nicht, ob er oder Olaf Scholz schneller war, unser Kanzler ließ sich von hinten insze… fotografieren, wie er vor einem der Öfen im Krematorium steht. Mittig. Im gedämpften Licht. Besinnlich und sich besinnend. Ob er da ein Gebet gesprochen hat? Man weiß es nicht, aber die Bildkomposition ist sehr schön, sehr symmetrisch. Da hat das Fotografierende gut mitgedacht. Diesen beiden Typen ist das vielleicht grausigste und grausamste Vernichtungslager der Welt nicht zu schade, um sich zu Wahlkampf- und Eigendarstellungszwecken optisch hübsch in Szene zu setzen, um einen auf „besinnlich“ zu machen. Das, was vor Ort passiert ist, wo Menschen verprügelt, verreckt und schlussendlich vergast wurden, wird heute von ganz aufrecht unserdemokratischen Politikern zur Gruselkulisse für nicht hässliche Bilder, zum „Auschwitzland“ für professionelles Trauern herabgewürdigt. Wahres und echtes Gedenken braucht keine Pressefotografen, sondern Ruhe und Geschichtsbewusstsein, was ich mit einem Pulk von Fotografen, Security und Begleitentourage für höchst schwierig halte. Beide Bilder haben einen bitteren Beigeschmack von „Halloho? Ich trauere und bin nachdenklich! Seht Ihr, wie ich trauere? Seht Ihr es? Kinners, hierher, ich trauere! Guck, da der Ofen, da der Stacheldraht, schrecklich. Soll ich nochmal im Halbprofil…?“ Es gibt vielleicht noch eine Handvoll Leute, die aus Auschwitz entkommen und bewusst erzählen können, wie es war und auch sie werden bald gestorben sein. Wer als 10-jähriger da hinkam und überlebte, ist spätestens 1935 geboren und heute 90 Jahre alt. In zehn bis zwanzig Jahren wird die Erinnerung an den Holocaust nur noch virtuell in Filmen und Literatur gegenwärtig sein, da es keine Zeitzeugen mehr gibt, die das Monströse dieses Ortes aus eigener Anschauung vermitteln können. Dann wird Auschwitz endgültig zur Gedenkkulisse von Politikern herabgewürdigt werden, wenn die Museumsleitung hier nicht eingreift. Eigentlich sollte auf dem gesamten Gelände ein Fotografier-Verbot herrschen. Auch und besonders für Politiker. Das ist kein Ort, um Besinnlichkeit zu heucheln und publikumswirksame Bilder zu schießen. Oder lustige Selfies für Instagram und Tiktok zu machen. Was kommt als Nächstes? „My friends went to Auschwitz and all I got was this lousy T-Shirt“? Das ist Auschwitz. Der Ort eines der größten Verbrechen der Menschheit. Ein Ort, an dem Täter zu viehischen Barbaren und Opfer zur vernichtbaren Objekten herabgewürdigt wurden. Ein Ort, gegen den die Hölle ein angenehmer Platz sein muss. Ein Ort, an dem es keine Moral und keine Menschlichkeit mehr gab. Und an diesem Ort standen zwei Politiker in guter Ausleuchtung und simulierten Anteilnahme. Dann reisten sie wieder ab und beschlossen, noch mehr Judenhasser ins Land zu lassen. Es widert mich nur noch an.