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Some older: Nett sein

Thilo Schneider • 25. Juni 2020

Ich bin zu gut erzogen!

Bild von M W auf Pixabay
Ich bin der festen Überzeugung – und ich schließe hier von mir auf andere Menschen – dass der Mensch an sich nett sein möchte. Kein Mensch will ein Arschloch sein und von seinen Mitmenschen gehasst werden. Kein Mensch möchte durch die Gegend gehen und beschimpft werden oder in der Vier-Buchstaben-Zeitung als Depp des Landes ausgezeichnet werden.

Sicher, manchmal kommen Menschen in die Bredouille und können ihre Schulden für den geleasten Porsche oder den Flat-Screen nicht zurückzahlen oder müssen für ihre Bank staatliche Hilfen beantragen, so etwas kommt schon mal vor, aber vom Grundsatz her macht das ja niemand gerne und mit Absicht. Ich will daran glauben.

Aber es wird einem manchmal auch schwer gemacht.

Neulich beispielsweise, da stehe ich in der Bäckerei in unserer Fußgängerzone, bestelle einen Kaffee, ein Hörnchen und die oben genannte Postille und da fragt mich die Bäckereifachverkäuferin, ob ich noch etwas Süßes probieren möchte.

Nun stehe ich sexuellen Avancen jetzt nicht grundsätzlich ablehnend gegenüber und weil sie noch diesseits der 40 zu sein scheint, sage ich leichtsinnigerweise: „ja“.

Zu meiner Enttäuschung reicht sie mir einen kleinen Teller mit irgendeinem dubiosen Backwerk, in dem Zahnstocher stecken, über den Tresen und blickt mich erwartungsvoll an. Ich nehme mir ein Teilchen und beiße in etwas, das verdächtig nach Schaumstoff mit Ammoniaküberzug schmeckt. Wirklich wirklich übel. Schauderhaft. Ekelig.

„Und?“ fragt sie erwartungsvoll und, wie ich meine, auch ein wenig stolz.

Tja nun. Am liebsten würde ich ihr das Zeug vor die Bäckereifachverkäuferinnenfüsse kotzen, aber dann ist sie beleidigt und hasst mich und vielleicht verklagt sie mich wegen Mobbings oder macht sich aus Kummer sogar weg. Möchte ich nicht.

Lieber lächle ich und sage „prima, schmeckt gut!“. Doof und nett, wie ich bin.

Sie lächelt zurück. „Das freut mich, das hat unser Lehrmädchen heute gebacken. Das sind ihre ersten Amerikaner.“ Ach Du scheiße… Jetzt trage ich auf meinen breiten Schultern auch noch die Verantwortung für die berufliche Reputation der Bäckerazubine… Ganz toll!

„Soll ich Ihnen welche einpacken?“ fragt sie tückisch.

Nein, eigentlich mal lieber nicht, ich hasse das Zeug, es ist ein Backwerk aus der siebten Vorhölle und den chemischen Errungenschaften der Hermann-Göring-Werke, aber ich stehe jetzt zwischen Baum und Borke, zwischen „Sie, ich habe Sie angelogen, das Zeug ist widerlich und ein berechtigter Grund für eine amerikanische Kriegserklärung“ und meinem Seelenfrieden.

„Diät“ lächle ich und klopfe auf meinen Bauch. „Ist kaum Fett drin“ tröstet sie mich.

„Ich habe es eilig“ entgegne ich. „Ich kann es einpacken, während Sie Ihren Kaffee trinken“ bietet sie mir an.

Ich habe nicht genug Geld dabei“ sage ich und klopfe mir aufs Portemonnaie. „Ach, kein Problem, ich runde gerne den Betrag auf Ihren 20,- € Schein, mit dem Sie gerade bezahlen wollten, auf“ bietet sie mir netterweise an.

Also gut, wenn sie keine eindeutigen Nicht-Verkaufssignale versteht, dann muss ich wohl deutlicher werden: „Na gut, dann packen Sie mir Fünf Stück ein“ höre ich mich gegen meinen Willen sagen und mein Magen macht vor Ekel einen kleinen Salto rückwärts.

Sie freut sich, guckt mich verschwörerisch an und sagt „da gebe ich Ihnen noch extra einen dazu“ und verpackt sechs Schaumstoffteilchen mit Ammoniakaroma, zieht den Betrag von meinem Wechselgeld ab und reicht mir stolz die Tüte über den Tresen. „Guten Appetit“ wünscht sie mir und wahrscheinlich sehe ich sie gerade an, wie jemand guckt, dessen Hund soeben überfahren wurde, denn sie widmet sich dem nächsten Kunden, der gerade hereingekommen ist.

Ich stelle mich an eines der Stehtischchen da und beobachte, wie mein Nachfolger „etwas Süßes“ probiert und angeekelt das Gesicht verzieht. „Schmeckt widerlich“ sagt er ganz direkt.

Und verlässt den Laden mit drei Krapfen und einem Stangenweißbrot, der unhöfliche Drecksack, der sich soeben 3,50 € für Schaumstoff und ein gutes Gewissen gespart hat.

Was bin ich so froh, dass ich so nett bin. Und so ein Idiot. Ich darf gar nicht drüber nachdenken…

P.S. Ich habe die Amerikaner meiner Mutter zum Kaffee mitgebracht, die ist weit über 70 und irgendwann muss ja auch mal Schluss sein. Sie hat mir später erzählt, dass das Zeug widerlich war und sie es weggeschmissen hat. Auch unhöflich und unnett.
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Ist das nicht süß? Wirklich zuckersüß, wie sie jetzt alle springen, tanzen und singen? Da kommt so ein Ami aus Amirika zur Münchner Sicherheitskonferenz und hält den bei Häppchen und Sekt versammelten grauen Köpfen der europäischen Nomenklatura einen 20-minütigen, freien und fehlerlosen Vortrag über Demokratie und Mehrheiten, verzwergt seine Zuhörer und deklassiert sie und landauf landab fliegen die geohrfeigten Köpfe der Brandmaurer. Da stellt sich dann ausgerechnet ein ausgebildeter Neo-Sozialist wie der Bundespräsident, der vor nicht einmal 12 Monaten den amtierenden Präsidenten der USA als „Hassprediger“ abgekanzelt hat, hin und verbittet sich eine Einmischung der Amerikaner in die lautere und tadellose Demokratie der Schwachkopf-Anzeiger, „So-Done“-Betreiber und Morgens-aus-dem-Bett-Klingler. Da sind sie alle ganz aufgeregt, die, die nicht müde wurden, zu beteuern, dass mit Donald Trump das absolut Böse ins Weiße Haus einziehen wird. Die den altersschwachen Joe Biden zu einem stolzen Führer der freien Welt mit dem absoluten Überblick verklärten, um gleich anschließend Kamala Harris zu einer Lichtgestalt zu verklären, die den Heiligenschein Jesu um Milliarden Lux überstrahlte. Diese Politiker und Medien beschweren sich nun wie mit der Hand in der Keksdose ertappte Kinder über eine Rede, die ihnen, den Führern des Wertewestens und des freiesten und buntesten und diversesten Europas, das es je seit der Belagerung Konstantinopels gab, die demokratischen Leviten liest. Witzig – während ich diese Zeilen schreibe, lese ich auf X, dass der Rechtsanwalt Markus Roscher zu 3.000,- € Geldstrafe verurteilt wurde, weil er in einem Tweet Habeck, Scholz und Baerbock für das Heizungsgesetz als „boshafte Versager“ bezeichnet hat. Sein Waffenschein steht nun wegen „Unzuverlässigkeit“ ebenfalls zur Diskussion. Außerdem muss er im „Wiederholungsfall“ – nämlich, dass er die Genannten „in ihrem öffentlichen Wirken erheblich beeinträchtigt“ – damit rechnen, dass ihm der Entzug seiner Anwaltslizenz droht. Außerdem wurde er gewarnt, dass er im Einspruchsverfahren mit einer noch höheren Geldstrafe rechnen müsste. Sieht so die Meinungsfreiheit „unserer Demokratie“ aus? Das exakt ist es, was Vance mit seiner Rede gemeint hat. Und was unsere Politisierenden und die geneigten Medien vehement und ganz wehrhaft mit wedelnden Armen abstreiten. „Keine Meinungsfreiheit? Stimmt ja gar nicht! Halt die Fresse!“ Ich mag die AfD nicht. Ich finde sie zu wenigstens 60% ganz schrecklich, weil da auch ganz schreckliche Leute mitmachen, deren Stammtische ich schon in Jugendtagen gemieden habe, obwohl es die da noch gar nicht gab. Das spielt in einer Demokratie aber keine Rolle, wen ich mag oder nicht mag. Ich persönlich finde Grüne und Linke noch viel schrecklicher, radikaler und ja – auch gewalttätiger. Erst recht, wenn sie 1933 als Rechtfertigung für Zerstörung und Körperverletzung als Alibi heranziehen. Aber ebenso, wie ich die Einen ertragen muss, muss ich auch die anderen ertragen. Und, als Demokrat, bestenfalls mit beiden reden, weil sie vielleicht ja doch einen Punkt haben. Außerdem ist es unfair und undemokratisch, eine 20%-Partei in ihrer parlamentarischen Arbeit zu behindern und ihnen ihrer Partei zustehende Posten zu verweigern oder Gesetze und Regeln so elegant hinzubiegen, dass sie keine Chance haben, für das Geld, das sie auch von ihren Wählern bekommen, Ihren Job zu machen. Unser Grundgesetz (dessen Hochhalten in Corona bereits bestraft wurde) sieht keine „guten“ und „schlechten“ Wählerstimmen vor. Es gibt schlicht keine Abstufung. Vance hat nichts anderes gesagt als seinerzeit Gorbatschow zu den Betonköpfen im Politbüro: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“. Wer sich nicht um die Anliegen von mindestens 20% - eigentlich aber sogar mehr als 50% aller Wähler kümmert (ja, wir reden hier von illegaler Migration und Union und AfD gemeinsam), der darf sich dann auch nicht wundern, wenn die eigene, überhebliche Arroganz gegenüber dem Wahlvolk, das die ganze Butze finanziert, zur eigenen Abwahl führt. Es ist das tiefste Wesen einer Demokratie, dass es keinen Adel und keine Kaste gibt und das Volk seine Regierungen bei Nichtbeachtung abwählen und einer neuen Regierung eine neue Chance geben kann, darf, soll und – im Eigeninteresse – sogar muss. Nichts anderes hat Vance versucht, seinen europäischen Gesprächspartnern, die nun gemeinsam mit den ihnen gewogenen Medien aufgeregt flügelschlagend umeinanderkreisen, klarzumachen. Und als Antwort bekommt er – und wir – unter dem Strich die gleiche Antwort, die seinerzeit Honecker gab: „Unsere Demokratie in ihrem Lauf halten weder Trump noch Vance auf“. Flankiert von dem üblichen Gesülze von Trump als Sith-Lord mit Musk und Vance als böse Palatine. Die glauben das wirklich! Außerdem hat Vance mit Weidel und Merz gesprochen. GESPROCHEN! Sie haben richtig gelesen. Die Amerikaner haben glasklar erkannt, dass mit der EU und den Wichtigtuern der deutschen Regierungsparteien schlicht „kein Staat“ zu machen ist. „America first“ heißt auch „Europe second“ und die Rede von Vance und die Reaktionen darauf haben tatsächlich gezeigt, mit welchen eitlen und wichtigtuerischen Wichten wir es in „unserer Demokratie“ zu tun haben. Wird sich aber nun etwas ändern? Natürlich nicht. Die europäischen Kleinmächte mit ihren zappeligen Demokratieminderleistern werden sich einigeln und hoffen, dass die nächsten vier Jahre Trump und dann vielleicht vier Jahre Vance an ihnen wie ein Gewittersturm vorüberziehen werden. An uns als Wählern liegt es, ob dies so sein wird.
von Thilo Schneider 2. Februar 2025
Haben Sie die Bilder gesehen? Robert Habeck hat eines verbreitet, Olaf Scholz ein anderes. Robert Habeck war nämlich in Auschwitz. Aber nur als Besucher. Olaf Scholz auch, auch als Tourist. Auf dem Bild Robert Habecks sieht man ihn aus der Rückenansicht, wie er zwischen einem Gebäude (dem Krematorium?) und zwei Stacheldrahtzäunen, ganz allein, fast einsam, entlangflaniert. Das ganze Bild, in einen orangen Filter getaucht, erinnert stark an die „Jever“-Werbung. Ein Mann. Seine Gedanken. Ein KZ. Veröffentlicht hat Robert Habeck das Bild auf X mit dem Untertext: „Heute, am 80. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz, habe ich in Polen das Stammlager I und später das Konzentrations- und Vernichtungslager in Auschwitz-Birkenau besucht. Neben dem offiziellen Teil gab es auch ein paar Momente allein. Ich brauche dazu nichts zu sagen, denke ich.“ Ein paar Momente. Allein. Robert Habeck mit sich selbst. Und dem Kameramann. Und den Personenschützern. Möglicherweise auch mit seinem Social-Media-Team und seinem Wahlkampfteam. Aber allein. Hauptsache allein. Mit seinen Gedanken. Und die teilt er mit, indem er sie nicht mitteilt. So isser, unser Robert, gell? So ein eigentlich stiller, besinnlicher und, ja, auch tief philosophischer Typ. Ich kann mich nicht gegen meine Phantasie wehren. Ich sehe mich mit Robert Habeck und seinem Team da, in dieser Todesgasse stehen und das, was wie ein Schnappschuss – welch grässliches Wort in einem Konzentrationslager – aussieht, inszenieren: „Robert, wir machen das von hinten. Wie in der Werbung. Geh ein paar Schritte nach da. Nicht umdrehen, Robert, NICHT UMDREHEN, HERRGOTT, ja, so isses gut, Stimmt das Licht, Malte? Klasse. Nicht so weit weg, Robert, es muss zufällig aussehen und wir können das Stativ und das Licht nicht hinter Dir hertragen. Geh nochmal so… JA, PASST, IS IM KASTEN! Super Robert, das wird ein Kracher!“ Ein Hauch von Bierwerbung weht durch das Bild: Wie das KZ, so das Jever. Ich weiß nicht, ob er oder Olaf Scholz schneller war, unser Kanzler ließ sich von hinten insze… fotografieren, wie er vor einem der Öfen im Krematorium steht. Mittig. Im gedämpften Licht. Besinnlich und sich besinnend. Ob er da ein Gebet gesprochen hat? Man weiß es nicht, aber die Bildkomposition ist sehr schön, sehr symmetrisch. Da hat das Fotografierende gut mitgedacht. Diesen beiden Typen ist das vielleicht grausigste und grausamste Vernichtungslager der Welt nicht zu schade, um sich zu Wahlkampf- und Eigendarstellungszwecken optisch hübsch in Szene zu setzen, um einen auf „besinnlich“ zu machen. Das, was vor Ort passiert ist, wo Menschen verprügelt, verreckt und schlussendlich vergast wurden, wird heute von ganz aufrecht unserdemokratischen Politikern zur Gruselkulisse für nicht hässliche Bilder, zum „Auschwitzland“ für professionelles Trauern herabgewürdigt. Wahres und echtes Gedenken braucht keine Pressefotografen, sondern Ruhe und Geschichtsbewusstsein, was ich mit einem Pulk von Fotografen, Security und Begleitentourage für höchst schwierig halte. Beide Bilder haben einen bitteren Beigeschmack von „Halloho? Ich trauere und bin nachdenklich! Seht Ihr, wie ich trauere? Seht Ihr es? Kinners, hierher, ich trauere! Guck, da der Ofen, da der Stacheldraht, schrecklich. Soll ich nochmal im Halbprofil…?“ Es gibt vielleicht noch eine Handvoll Leute, die aus Auschwitz entkommen und bewusst erzählen können, wie es war und auch sie werden bald gestorben sein. Wer als 10-jähriger da hinkam und überlebte, ist spätestens 1935 geboren und heute 90 Jahre alt. In zehn bis zwanzig Jahren wird die Erinnerung an den Holocaust nur noch virtuell in Filmen und Literatur gegenwärtig sein, da es keine Zeitzeugen mehr gibt, die das Monströse dieses Ortes aus eigener Anschauung vermitteln können. Dann wird Auschwitz endgültig zur Gedenkkulisse von Politikern herabgewürdigt werden, wenn die Museumsleitung hier nicht eingreift. Eigentlich sollte auf dem gesamten Gelände ein Fotografier-Verbot herrschen. Auch und besonders für Politiker. Das ist kein Ort, um Besinnlichkeit zu heucheln und publikumswirksame Bilder zu schießen. Oder lustige Selfies für Instagram und Tiktok zu machen. Was kommt als Nächstes? „My friends went to Auschwitz and all I got was this lousy T-Shirt“? Das ist Auschwitz. Der Ort eines der größten Verbrechen der Menschheit. Ein Ort, an dem Täter zu viehischen Barbaren und Opfer zur vernichtbaren Objekten herabgewürdigt wurden. Ein Ort, gegen den die Hölle ein angenehmer Platz sein muss. Ein Ort, an dem es keine Moral und keine Menschlichkeit mehr gab. Und an diesem Ort standen zwei Politiker in guter Ausleuchtung und simulierten Anteilnahme. Dann reisten sie wieder ab und beschlossen, noch mehr Judenhasser ins Land zu lassen. Es widert mich nur noch an.