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Ich, der Rassist

Thilo Schneider • 15. Juli 2023

Ich kann es nicht länger leugnen und habe mich selbst erwischt

Ich halte es für eines der Privilegien des Erwachsenseins, sich selbst zu hinterfragen und zu reflektieren – und natürlich auch Eigen- und Fremdbild gegeneinander abzugleichen. Mit „einpaarundfuffzich“ gehört sich das auch so. Die Lebenserfahrung zeigt, dass sich gelegentlich Wege trennen, während sich neue Wege eröffnen, die man mit anderen Menschen geht. Ich erinnere mich an erbitterte Diskussionen mit meinem Vater, in denen er sich von mir vorhalten lassen durfte, er würde mich durch seinen Besitz erpressen – wenn ich beispielsweise den Volvo zum Besuch einer paarungswilligen jungen Maid haben wollte, er diesen aber nur ´rausrücken wollte, wenn ich den Rasen mähen würde. Ich hab den Rasen natürlich nicht gemäht, ich bin kein Gärtner, und ich fand es schamlos, mir aus diesem Grund den Volvo zu verweigern. Gut, ich habe mir dann vom Schrottplatz einen mehr oder minder fahrfähigen und verkehrstüchtigen, stinkenden Opel-B-Kadett-Coupe gekauft. Aber: Ich habe den Rasen nicht gemäht. Heute verstehe ich ihn. Viel viel besser, als mir das mit 19 Jahren möglich war. „Erziehung“ nannte man das wohl. Es gibt nichts geschenkt. 

Ich habe vor einigen Tagen einen Beitrag meines Autorenkollegen und – ja – auch Freundes Ahmet Dener geteilt. Der Beitrag zeigte das Foto eines dunkelhäutigen Mannes, der nackt in einem öffentlichen Brunnen vor dem Saarbrücker Rathaus badete. Ich kommentierte dieses Bild mit den Worten: „Er tut das, was er kennt. Er hat ein Wasserloch ohne Krokodile und Nilpferde gefunden und wäscht sich. Er ist ein vorbildlicher und sauberer Facharbeiter.“

Daraufhin kommentierte ein User: „Er tut das was er kennt. Er hat ein Random-Foto im Internet gefunden und packt seine rassistische Hetze dazu. Anschließend wäscht er seine "bürgerlichen" Hände in Unschuld. Er ist ein sauberer Hetzer und Populist.“ Ein anderer User kommentierte: „Er tut halt , was er immer tut. Er hetzt, hetzt und hetzt. Wutbürger without a cause. Ganz trauriger Troll, voller Angst vor allem Fremden. Come on Thilo, Gurke aufs Pressackbrot.“ Ein weiterer Kommentar: „Die Kommentare Ihrer „Freunde“ hier übertreffen in ihrer Widerlichkeit noch Ihren Post. Hoffe ich begegne Ihnen niemals wieder.“ Davon abgesehen, dass ich mich ungern in „Sippenhaft“ für das nehmen lasse, was andere schreiben (ich mache die Buntheitsjubler ja auch nicht für jeden Messertoten im Land verantwortlich – vielleicht sollte ich das tun?), könnte ich diese drei Kommentare einfach ignorieren und mir denken, dass ich nicht jedem Troll antworten muss und auch nicht über jedes Stöckchen springen muss. Könnte ich machen. 

Ich kann mich aber auch hinterfragen, ob das stimmt, was die drei geschrieben haben? War das ein rassistischer Kommentar? Bin ich vielleicht sogar ein Rassist, ein Hetzer und Populist? Ein Wutbürger? Einer der „Angst vor allem Fremden“ hat? Kann das tatsächlich sein? Sehen mich andere so? 

Ich selbst habe mich nie so gesehen. Ich würde mich selbst als liberal-konservativ betrachten, was bedeutet, dass ich zuerst einmal den Menschen vor mir sehe, bevor ich anderen Dingen wie Hautfarbe, Religion, sexuelle Ausrichtung etc. Beachtung schenke. Ich habe Kunden jeder Hautfarbe, jeder Nationalität, jeder Religion, jeder sexuellen Präferenz (Außer Pädophilen – hoffe ich wenigstens), meine Freunde (und ich rede von echten Freunden) sind dunkelhäutig, Muslime, Juden etc. Weil es mir, so bilde ich mir das ein, wirklich egal ist. Ich habe Türkeistämmige, Afghaninnen, Kubanerinnen, Muslime ausgebildet – weil es mir egal ist, wenn ich den Menschen vor mir als nett, freundlich und kompetent einstufe. Habe ich da manchmal einen Spruch gelassen? Vielleicht. Falls ja, erinnere ich mich nicht daran. War ich respektlos? Ich hoffe nicht – aber falls ja, erinnere ich mich nicht daran. Wäre auch nie meine Absicht. Tatsächlich.

Ich habe vor Jahren einmal eine Bewerberin abgelehnt, da sie zum Bewerbungsgespräch voll verschleiert (Kopftuch, Mantel, Handschuhe) erschien, während ihr Bruder während des Gesprächs draußen vor der Türe wartete. Sie war nett, gebildet und kompetent – und ultrareligiös. Ich habe sie aber nicht wegen ihres Glaubens abgelehnt, sondern weil ich zum Einen in meinen Räumen keinen „kulturellen Nebenkriegsschauplatz“ aufmachen wollte, zum Anderen in meinem Büro die Kleiderordnung gerne selbst bestimme. Badehose und Bikini wären nämlich auch nicht gegangen. Wenn sie ihre Glaubensvorschriften über meine Kleidervorschriften stellt, dann mag sie ihren Glauben in den eigenen vier Wänden ausleben. Nicht in meinen Geschäftsräumen. Sorry, not sorry. Ich habe dann einer anderen Bewerberin – ebenfalls Muslima, aber weit weniger „Hardcore“ – den Vorzug gegeben. 

War das rassistisch? Vielleicht. Schon. Irgendwie. Hätte ich die Absage damals damit begründet, wäre ich ein Fall für das Antidiskriminierungsgesetz geworden. Obwohl ich sie, wie gesagt, nicht wegen ihres Glaubens, sondern der Art, wie sie ihn auszuleben gedachte, nicht einstellen wollte. Sie mag ja nichts dafür können, ultrastreng muslimisch sozialisiert zu sein – ich kann aber auch nichts dafür. Wir haben nun einmal so ein paar gesellschaftliche Spielregeln, an die sich jeder halten sollte – finde ich.  

Zurück zu meinem Kommentar unter das Bild. War das ein rassistischer Kommentar? Um das zu beurteilen, muss ich mich fragen, was ich geschrieben hätte, wäre es ein offensichtlicher Europäer gewesen. Ich hätte das Bild vielleicht mit „Skandal – Asoziale müssen aufgrund des Wasserpreises jetzt in der Öffentlichkeit baden“ oder sowas untertitelt. Nachdem es aber kein Weißer war, bezog ich mich aufgrund der Hautfarbe auf Afrika. Also ja: Der Kommentar war rassistisch.  

Höre ich weiter in mich hinein: Ja, wenn mir abends drei schwarze Typen in ihren Jogginganzügen entgegenkommen, wechsle ich lieber die Straßenseite. In Bussen und U-Bahnen fühle ich mich unsicher, wenn da offensichtliche „Neu-Hinzugekommene“ ebenfalls anwesend sind. Erst recht, wenn sie im Pulk auftauchen. Allerdings wechsle ich auch die Straßenseite, wenn mir eine Gruppe offensichtlich besoffener Fußballhooligans grölend entgegenkommen. Aber es ändert nichts: Ich habe keine „Angst vor allem Fremden“, aber vor so „einigen Fremden“: So komme ich mit fremden Europäern oder fremden Asiaten sehr gut und problemlos klar, aber – ich muss es so sagen – die haben auch ein besseres Image. Die sind auch in der Minderzahl, fallen nicht durch Pöbeleien und Anspruchsdenken auf und die Anzahl der durch Messer ermordeten Apostaten oder an verlassenden Ehefrauen oder einfachen Passanten hält sich bei den genannten Bevölkerungsgruppen doch im überschaubaren Rahmen.

Wie sieht meine eigene Erfahrung aus? Wenn ich heute um 10.00 Uhr durch unser Städtchen laufe, dann sind die Kaffees und Straßen in der Regel voll – mit jeder Menge Leute, deren Sprache ich nicht spreche. Das ist mir unangenehm. Denn so kann ich auch mit niemandem ins Gespräch kommen. Nicht, dass ich das nicht sowieso nicht unbedingt wollte. Ich habe aber an manchem Kaffeehaustisch schon nette Leute getroffen und kennengelernt – aber das war früher. Bepöbelt wurde ich schon von allen möglichen Leuten aus allen möglichen Anlässen – ich werde aber bei einer weißen Person eher zurückpöbeln, als bei einer schwarzen Person. Warum? Die weiße Person hat mit hoher Wahrscheinlichkeit kein Trauma und kein waffenfähiges Material einstecken. Verhalte ich mich hier also rassistisch? Ja. Absolut. Allerdings war ich bisher auch in keine Messerstecherei oder Prügelei verwickelt.  

Ich bin dankbar für unser Schwimmbad und unsere Schulen hier ringsum. Hier auf dem Land ist eine Art von Integration noch möglich, da „Neu Hinzugekommene“, wie es so herrlich dümmlich heißt, in der Unterzahl sind. Drei somalische Kinder lassen sich in eine 20-köpfige Klasse leichter integrieren als 18, wie es beispielsweise in Berlin häufig der Fall ist. Ich fände es gut, wenn das so bliebe. Bin ich deswegen ein Hetzer? Wohl eher nicht. Oder?

Ansonsten sind es immer die gleichen Gruppen, die sich in den Großstädten gegenseitig die Rübe einschlagen: Syrer gegen Libanesen, Eriträer gegen Eriträer, Türken gegen Kurden, Sinti gegen Roma und umgekehrt. Ich sehe das alles und kommentiere das: Sarkastisch, zornig und ja – manchmal auch gemein. Weil ich das so nicht kenne. Weil ich mein „Heimatland“ (das es nicht mehr ist) so nicht kenne. Weil meine Eltern um ihre Kinder weniger Angst haben musste, als ich sie heute um meine pubertären Stieftöchter habe, die selbst schon „interessante“ Erfahrungen machen durften. 
Wenn ich das dokumentiere und beschreibe und kritisiere und mir wünsche, dass diejenigen, die den Stress verursachen, möglichst das Land verlassen, das sie in den allermeisten Fällen gar nicht erst hätten betreten dürfen: Bin ich dann ein „Rechtspopulist“? Wenn ich der Ansicht bin, dass sich diametral entgegengesetzte Kulturen nicht vereinbaren lassen, never ever, und dass wir mit dem Versuch, Moderne und Mittelalter zu verschmelzen, furchtbar scheitern werden – bin ich dann ein Hetzer? 

Und wenn ich der Meinung bin, dass uns die Gleichberechtigung von Mann und Frau und der innere Friede, die Überwindung von innerchristlichen Glaubensdifferenzen und die Möglichkeit, dass sich jedes Individuum voll in Freiheit entfalten darf (sofern es nicht gegen Gesetze verstößt oder andere in ihrer Freiheit einschränkt), zu einer der (noch) führenden Industrienationen gemacht hat und ich unsere (zumindest einstige) Demokratie und Gesellschaftssystem für allen anderen Systemen und Kulturen als überlegen halte – bin ich dann ein Rassist? 

Wenn ich nach Afrika oder den Nahen Osten sehe, die durch die Bank seit den Jahrzehnten seit der Dekolonialisierung mit Geld regelrecht zugeworfen werden und was die Länder von Marokko bis Südafrika bisher daraus gemacht haben, dann bin ich der festen Überzeugung, dass deren Gesellschaftsmodell nicht funktioniert und hier sogar kontraproduktiv ist. Dass ich deren Kultur, Riten und Sitten, die für ihre Länder durchaus einigermaßen angemessen sind, aber nicht so besonders gut zur kulturellen und gesellschaftlichen und letztlich wirtschaftlichen Blüte führen, hier nicht haben möchte. Bin ich dann Rassist? Hetzer? Rechtspopulist?   
 
Ich helfe gerne und habe das auch schon oft genug getan und tu es immer noch. Dem Individuum. Dem Menschen, der vor mir steht. Und wenn ich falle, ist es mir egal, ob mir eine weiße, schwarze, rote oder gelbe Hand wieder aufhilft. Ebenso wie ich jedem weißen, schwarzen, roten oder gelben, muslimischen, christlichen, jüdischen, atheistischen, buddhistischen, hinduistischen Gefallenen aufhelfen werde. Weil ich so erzogen bin und weil sich Menschen gegenseitig helfen. Sollten. Allerdings helfe ich nur auf – stehen muss derjenige dann allein. Mehr erwarte ich im Gegenzug auch nicht. 

Aber wer sich verteidigt, der klagt sich bekanntlich auch an. Wenn ich also tief in mich hineinhöre und mir wünsche, dass ich mich in Deutschland auf Deutsch verständigen kann und nachts keine Angst haben muss, wenn mir die berühmten „Jungen Männer“ entgegenkommen, dann komme ich nicht umhin, festzustellen – und es ist mir selbst gegenüber ganz ganz furchtbar: Ja, ich bin tatsächlich ein Rassist. Ich WILL mein Zusammenleben nicht „täglich neu aushandeln“. Erst recht nicht mit Waffen. 

Ich fand das bisher ganz gut, so, wie es war. Wir kamen enigermaßen gut miteinander aus! Ich fand es gut, angstfrei ins Freibad zu gehen und einfach Spaß zu haben und hätte dies meinen Stieftöchtern auch gerne gegönnt. Aber vielleicht sind die ja angstfreier als ich. Ich bin kein Idiot: Ich weiß, dass wir qualifizierte Zuwanderung brauchen und bin auch dafür, beispielsweise in Spanien mit seiner hohen Jugendarbeitslosigkeit solche anzuwerben. Die Betonung liegt eben auf „qualifiziert“ – das ist ein bisschen mehr als aufrecht gehen und selbständig atmen können. Aber ich bin auch ein alter Sack – dem übrigens eher die Hand abfaulen würde, als dass er die AfD oder die Grünen wählen würde. Ich verstehe aber jeden, der das tut. Beide Seiten eint die Angst. Die einen vor Überfremdung, die anderen vor der „Klimaapokalypse“ und dem „Vierten Reich“. In diesem Sinne stehe ich der AfD wohl näher als den Grünen. Ist so. Muss ich zugeben. Ich bin rechts. Oder „rechts“. Ich will niemanden aufstacheln oder „Hass und Hetze“ verbreiten und ich hoffe, ich tu das auch nicht, bin aber nur für den Sender und nicht für den Empfänger verantwortlich. Trotzdem werde ich keine AfD wählen. Ich kann deren Personal nicht leiden. Insbesondere so Leute wie Höcke und wie die Flügelstürmer alle heißen mögen. Die Grünen mit ihrer idiotischen Ideologie und ihrem scheinmoralischen Allmachtsanspruch sowieso nicht. Ich will keiner ihrer genormten, neuen, veganen und geschlechtslosen, bunten Einheitsroboter sein.

Entfreundet mich, wenn Ihr edler und moralisch höherstehend als ich seid – oder es Euch einfach peinlich ist, mit mir befreundet oder bekannt zu sein. Trotzdem oder weil ich vielleicht auch ausspreche, was Ihr nur im Geheimen denkt. Wenn in den Zeitungen von „latentem Rassismus“ die Rede ist, dann muss ich leider mittlerweile für mich zugeben, dass ich da mit gemeint bin. Sorry. So bin ich. Ihr drei da oben habt da einen Punkt.  

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Ist das nicht süß? Wirklich zuckersüß, wie sie jetzt alle springen, tanzen und singen? Da kommt so ein Ami aus Amirika zur Münchner Sicherheitskonferenz und hält den bei Häppchen und Sekt versammelten grauen Köpfen der europäischen Nomenklatura einen 20-minütigen, freien und fehlerlosen Vortrag über Demokratie und Mehrheiten, verzwergt seine Zuhörer und deklassiert sie und landauf landab fliegen die geohrfeigten Köpfe der Brandmaurer. Da stellt sich dann ausgerechnet ein ausgebildeter Neo-Sozialist wie der Bundespräsident, der vor nicht einmal 12 Monaten den amtierenden Präsidenten der USA als „Hassprediger“ abgekanzelt hat, hin und verbittet sich eine Einmischung der Amerikaner in die lautere und tadellose Demokratie der Schwachkopf-Anzeiger, „So-Done“-Betreiber und Morgens-aus-dem-Bett-Klingler. Da sind sie alle ganz aufgeregt, die, die nicht müde wurden, zu beteuern, dass mit Donald Trump das absolut Böse ins Weiße Haus einziehen wird. Die den altersschwachen Joe Biden zu einem stolzen Führer der freien Welt mit dem absoluten Überblick verklärten, um gleich anschließend Kamala Harris zu einer Lichtgestalt zu verklären, die den Heiligenschein Jesu um Milliarden Lux überstrahlte. Diese Politiker und Medien beschweren sich nun wie mit der Hand in der Keksdose ertappte Kinder über eine Rede, die ihnen, den Führern des Wertewestens und des freiesten und buntesten und diversesten Europas, das es je seit der Belagerung Konstantinopels gab, die demokratischen Leviten liest. Witzig – während ich diese Zeilen schreibe, lese ich auf X, dass der Rechtsanwalt Markus Roscher zu 3.000,- € Geldstrafe verurteilt wurde, weil er in einem Tweet Habeck, Scholz und Baerbock für das Heizungsgesetz als „boshafte Versager“ bezeichnet hat. Sein Waffenschein steht nun wegen „Unzuverlässigkeit“ ebenfalls zur Diskussion. Außerdem muss er im „Wiederholungsfall“ – nämlich, dass er die Genannten „in ihrem öffentlichen Wirken erheblich beeinträchtigt“ – damit rechnen, dass ihm der Entzug seiner Anwaltslizenz droht. Außerdem wurde er gewarnt, dass er im Einspruchsverfahren mit einer noch höheren Geldstrafe rechnen müsste. Sieht so die Meinungsfreiheit „unserer Demokratie“ aus? Das exakt ist es, was Vance mit seiner Rede gemeint hat. Und was unsere Politisierenden und die geneigten Medien vehement und ganz wehrhaft mit wedelnden Armen abstreiten. „Keine Meinungsfreiheit? Stimmt ja gar nicht! Halt die Fresse!“ Ich mag die AfD nicht. Ich finde sie zu wenigstens 60% ganz schrecklich, weil da auch ganz schreckliche Leute mitmachen, deren Stammtische ich schon in Jugendtagen gemieden habe, obwohl es die da noch gar nicht gab. Das spielt in einer Demokratie aber keine Rolle, wen ich mag oder nicht mag. Ich persönlich finde Grüne und Linke noch viel schrecklicher, radikaler und ja – auch gewalttätiger. Erst recht, wenn sie 1933 als Rechtfertigung für Zerstörung und Körperverletzung als Alibi heranziehen. Aber ebenso, wie ich die Einen ertragen muss, muss ich auch die anderen ertragen. Und, als Demokrat, bestenfalls mit beiden reden, weil sie vielleicht ja doch einen Punkt haben. Außerdem ist es unfair und undemokratisch, eine 20%-Partei in ihrer parlamentarischen Arbeit zu behindern und ihnen ihrer Partei zustehende Posten zu verweigern oder Gesetze und Regeln so elegant hinzubiegen, dass sie keine Chance haben, für das Geld, das sie auch von ihren Wählern bekommen, Ihren Job zu machen. Unser Grundgesetz (dessen Hochhalten in Corona bereits bestraft wurde) sieht keine „guten“ und „schlechten“ Wählerstimmen vor. Es gibt schlicht keine Abstufung. Vance hat nichts anderes gesagt als seinerzeit Gorbatschow zu den Betonköpfen im Politbüro: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“. Wer sich nicht um die Anliegen von mindestens 20% - eigentlich aber sogar mehr als 50% aller Wähler kümmert (ja, wir reden hier von illegaler Migration und Union und AfD gemeinsam), der darf sich dann auch nicht wundern, wenn die eigene, überhebliche Arroganz gegenüber dem Wahlvolk, das die ganze Butze finanziert, zur eigenen Abwahl führt. Es ist das tiefste Wesen einer Demokratie, dass es keinen Adel und keine Kaste gibt und das Volk seine Regierungen bei Nichtbeachtung abwählen und einer neuen Regierung eine neue Chance geben kann, darf, soll und – im Eigeninteresse – sogar muss. Nichts anderes hat Vance versucht, seinen europäischen Gesprächspartnern, die nun gemeinsam mit den ihnen gewogenen Medien aufgeregt flügelschlagend umeinanderkreisen, klarzumachen. Und als Antwort bekommt er – und wir – unter dem Strich die gleiche Antwort, die seinerzeit Honecker gab: „Unsere Demokratie in ihrem Lauf halten weder Trump noch Vance auf“. Flankiert von dem üblichen Gesülze von Trump als Sith-Lord mit Musk und Vance als böse Palatine. Die glauben das wirklich! Außerdem hat Vance mit Weidel und Merz gesprochen. GESPROCHEN! Sie haben richtig gelesen. Die Amerikaner haben glasklar erkannt, dass mit der EU und den Wichtigtuern der deutschen Regierungsparteien schlicht „kein Staat“ zu machen ist. „America first“ heißt auch „Europe second“ und die Rede von Vance und die Reaktionen darauf haben tatsächlich gezeigt, mit welchen eitlen und wichtigtuerischen Wichten wir es in „unserer Demokratie“ zu tun haben. Wird sich aber nun etwas ändern? Natürlich nicht. Die europäischen Kleinmächte mit ihren zappeligen Demokratieminderleistern werden sich einigeln und hoffen, dass die nächsten vier Jahre Trump und dann vielleicht vier Jahre Vance an ihnen wie ein Gewittersturm vorüberziehen werden. An uns als Wählern liegt es, ob dies so sein wird.
von Thilo Schneider 2. Februar 2025
Haben Sie die Bilder gesehen? Robert Habeck hat eines verbreitet, Olaf Scholz ein anderes. Robert Habeck war nämlich in Auschwitz. Aber nur als Besucher. Olaf Scholz auch, auch als Tourist. Auf dem Bild Robert Habecks sieht man ihn aus der Rückenansicht, wie er zwischen einem Gebäude (dem Krematorium?) und zwei Stacheldrahtzäunen, ganz allein, fast einsam, entlangflaniert. Das ganze Bild, in einen orangen Filter getaucht, erinnert stark an die „Jever“-Werbung. Ein Mann. Seine Gedanken. Ein KZ. Veröffentlicht hat Robert Habeck das Bild auf X mit dem Untertext: „Heute, am 80. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz, habe ich in Polen das Stammlager I und später das Konzentrations- und Vernichtungslager in Auschwitz-Birkenau besucht. Neben dem offiziellen Teil gab es auch ein paar Momente allein. Ich brauche dazu nichts zu sagen, denke ich.“ Ein paar Momente. Allein. Robert Habeck mit sich selbst. Und dem Kameramann. Und den Personenschützern. Möglicherweise auch mit seinem Social-Media-Team und seinem Wahlkampfteam. Aber allein. Hauptsache allein. Mit seinen Gedanken. Und die teilt er mit, indem er sie nicht mitteilt. So isser, unser Robert, gell? So ein eigentlich stiller, besinnlicher und, ja, auch tief philosophischer Typ. Ich kann mich nicht gegen meine Phantasie wehren. Ich sehe mich mit Robert Habeck und seinem Team da, in dieser Todesgasse stehen und das, was wie ein Schnappschuss – welch grässliches Wort in einem Konzentrationslager – aussieht, inszenieren: „Robert, wir machen das von hinten. Wie in der Werbung. Geh ein paar Schritte nach da. Nicht umdrehen, Robert, NICHT UMDREHEN, HERRGOTT, ja, so isses gut, Stimmt das Licht, Malte? Klasse. Nicht so weit weg, Robert, es muss zufällig aussehen und wir können das Stativ und das Licht nicht hinter Dir hertragen. Geh nochmal so… JA, PASST, IS IM KASTEN! Super Robert, das wird ein Kracher!“ Ein Hauch von Bierwerbung weht durch das Bild: Wie das KZ, so das Jever. Ich weiß nicht, ob er oder Olaf Scholz schneller war, unser Kanzler ließ sich von hinten insze… fotografieren, wie er vor einem der Öfen im Krematorium steht. Mittig. Im gedämpften Licht. Besinnlich und sich besinnend. Ob er da ein Gebet gesprochen hat? Man weiß es nicht, aber die Bildkomposition ist sehr schön, sehr symmetrisch. Da hat das Fotografierende gut mitgedacht. Diesen beiden Typen ist das vielleicht grausigste und grausamste Vernichtungslager der Welt nicht zu schade, um sich zu Wahlkampf- und Eigendarstellungszwecken optisch hübsch in Szene zu setzen, um einen auf „besinnlich“ zu machen. Das, was vor Ort passiert ist, wo Menschen verprügelt, verreckt und schlussendlich vergast wurden, wird heute von ganz aufrecht unserdemokratischen Politikern zur Gruselkulisse für nicht hässliche Bilder, zum „Auschwitzland“ für professionelles Trauern herabgewürdigt. Wahres und echtes Gedenken braucht keine Pressefotografen, sondern Ruhe und Geschichtsbewusstsein, was ich mit einem Pulk von Fotografen, Security und Begleitentourage für höchst schwierig halte. Beide Bilder haben einen bitteren Beigeschmack von „Halloho? Ich trauere und bin nachdenklich! Seht Ihr, wie ich trauere? Seht Ihr es? Kinners, hierher, ich trauere! Guck, da der Ofen, da der Stacheldraht, schrecklich. Soll ich nochmal im Halbprofil…?“ Es gibt vielleicht noch eine Handvoll Leute, die aus Auschwitz entkommen und bewusst erzählen können, wie es war und auch sie werden bald gestorben sein. Wer als 10-jähriger da hinkam und überlebte, ist spätestens 1935 geboren und heute 90 Jahre alt. In zehn bis zwanzig Jahren wird die Erinnerung an den Holocaust nur noch virtuell in Filmen und Literatur gegenwärtig sein, da es keine Zeitzeugen mehr gibt, die das Monströse dieses Ortes aus eigener Anschauung vermitteln können. Dann wird Auschwitz endgültig zur Gedenkkulisse von Politikern herabgewürdigt werden, wenn die Museumsleitung hier nicht eingreift. Eigentlich sollte auf dem gesamten Gelände ein Fotografier-Verbot herrschen. Auch und besonders für Politiker. Das ist kein Ort, um Besinnlichkeit zu heucheln und publikumswirksame Bilder zu schießen. Oder lustige Selfies für Instagram und Tiktok zu machen. Was kommt als Nächstes? „My friends went to Auschwitz and all I got was this lousy T-Shirt“? Das ist Auschwitz. Der Ort eines der größten Verbrechen der Menschheit. Ein Ort, an dem Täter zu viehischen Barbaren und Opfer zur vernichtbaren Objekten herabgewürdigt wurden. Ein Ort, gegen den die Hölle ein angenehmer Platz sein muss. Ein Ort, an dem es keine Moral und keine Menschlichkeit mehr gab. Und an diesem Ort standen zwei Politiker in guter Ausleuchtung und simulierten Anteilnahme. Dann reisten sie wieder ab und beschlossen, noch mehr Judenhasser ins Land zu lassen. Es widert mich nur noch an.