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Der Aufstieg - eine Entgegnung zu Chaim Noll
Thilo Schneider • 21. Oktober 2021
Nichts ist so, wie es scheint

Die öffentliche „Diskussion“ um die neue, farbige Vorsitzende der Grünen Jugend, Sarah Lee Heinrich, ist aufgrund ihrer Tweets der Vergangenheit voll entbrannt und Chaim Noll hat auf der Achse
ja auch schon ein paar passende Worte gefunden. Meine erste Reaktion, als ich von der Ernennung und den Tweets erfuhr, entsprach ebenfalls der des geschätzten Kollegen. Erst mit etwas Nachdenken komme ich doch über Sarah Lee Heinrich zu einem anderen Schluss als dem, sie, platt gesagt, einfach nur für eine asoziale Rotzgöre aus der Gosse mit lauter Klappe zu halten.
Schauen wir uns die tweetende Teeniebraut Sarah-Lee Heinrich an:
Ich wuchs in einer Doppelhaushälfte auf dem Land mit 600 m² Garten auf, von Chaim Noll weiß ich es nicht. Mama Heinrich wächst mit der kleinen Sarah-Lee im Wohnblock im HartzIV-Distrikt auf. Die Treppenhäuser riechen nach Pisse, der Sperrmüll steht auf der Straße und wenigstens einmal die Woche brüllt irgendjemand herum und die Türen fliegen. Ich nehme Wetten an, Klein-Sarah-Lee kam mit dem Schlüssel um den Hals in die Wohnung, wenn sie sich durch die anderen harten Jungs mit und ohne Migrations-Hinter- und Hauptgrund gekämpft hat. Während Chaim Noll und ich feingeistig im gleichen Alter griechische und römische Heldensagen oder Karl May lasen, durfte little Sarah auf dem Handy daddeln oder hatte einen gebrauchten Game-Boy oder spielte bei einem der Nachbarskinder auf der Playstation, statt auf Geige und Klavier.
Sie musste sich durchsetzen, hart sein, am besten die Härteste im Block, zwischen dem ganzen anderen unterbelichteten, arbeitsscheuen, nichtsdestotrotz großmäuligen Gesindel aus aller Herren und Untergebenen Ländern sich Respekt verschaffen. Ja verdammt, da klingst Du mit 14 tatsächlich anders als der Nachbarjunge aus der intakten, bürgerlichen Vorstadtfamilie, der Werte und Traditionen quasi im Vorbeigehen gelernt hat. Wie anmaßend und ungerecht sind wir eigentlich, diese junge Frau nach ihren Tweets aus Kindertagen zu be- und verurteilen?
Denn:
Dieses unter derart prekären und prolligen Verhältnissen aufwachsende Mädchen schaffte es tatsächlich aufs Gymnasium, wurde Schülersprecherin und bekam sogar ein Stipendium. Und nicht nur das: Nach ihrem Abitur begann sie ihr Studium, zuerst an der Uni Bonn, dann an der Uni Köln. Sie ist übrigens die erste aus ihrer Familie, die studiert. Diese junge Dame hat, in ihrem Jargon gesagt, mehr Eier in der Hose als Chaim Noll und ich zusammen. Die hat sich hingesetzt, gelernt und gebüffelt, weil sie sich aus dem Dreck um sie herum freischwimmen wollte, sie dürfte kaum oder sogar keinerlei Hilfe dabei gehabt haben, sie musste sich das alles alleine erarbeiten, musste härter und mehr dafür schuften, als Chaim Noll und ich. Ja, wir hatten es leichter und ja, wir sind tatsächlich privilegiert gewesen und sind es noch. Auch, wenn das weder unser Verdienst noch unsere Schuld ist.
Und Frau Heinrich wurde jetzt Sprecherin der Grünen Jugend.
Sarah-Lee Heinrich hat es bis hierher geschafft. Gegen alle Wahrscheinlichkeiten. Wo ihre Historie vielleicht in der Vergangenheit zu Gegenwind führte, hat sie die Chance ergriffen und diese Historie zu Rückenwind gemacht. Bei den Grünen. Wo ihr ihr Geschlecht vielleicht im Weg stand, hier war es förderlich. Wo ihr ihre Hautfarbe vielleicht hinderlich war, wurde sie hier ihr Vorteil.
Es ist nicht schlimm, in ärmlichen Verhältnissen aufzuwachsen – schlimm ist es, dort verbleiben zu wollen. Oder, dass andere wollen, dass jemand dort verleibt. „In seine Schranken gewiesen wird“.
Die Tweets, die young Sarah-Lee abgesondert hat, sind etwa sechs Jahre alt. Damals war die Dame zarte 14 Lenze jung. Über das, was sie als Jugendliche da in ihrem Block erlebt hat, will ich lieber gar nicht spekulieren. Das Adjektiv „behütet“ ist mit Sicherheit nicht das, das ich verwenden würde.
Was haben Chaim Noll und ich mit 14 veranstaltet? Chaim Noll und ich wuchsen in bürgerlichen Häusern mit intakten Familien auf. Chaim Nolls Vater war der Schriftsteller Dieter Noll, mein Vater harmloser Versicherungsagent. Mit 14 bekam ich wöchentlich Orgelunterricht, spielte gelegentlich Fußball oder schrieb selbst kleine Geschichten. Ich schätze, bei Chaim Noll wird es ähnlich gewesen sein. Wir beide genossen nicht nur Bildung seitens des Elternhauses, wir hatten auch Hilfe bei Schularbeiten und erlebten unsere Eltern als liebevolle, wenngleich strenge und nicht immer einfache Vorbilder. Wir führten wahrscheinlich auch als Teenager hitzige Diskussionen, stellten in Frage, wechselten Standpunkte und so bildete sich mit der Zeit bei uns das, was man bei uns Menschen „Kultur“ nennt. Weder Dieter Noll
noch Franz Schneider dürften je zu Hause das Wort „Fotze“ gebraucht haben. Auf unseren Schulhöfen in den hübscheren Stadtvierteln hörten wir dieses Wort auch nicht. Chaim Noll und ich hatten schätzungsweise keine Chance, dieses Wort als Kinder überhaupt kennenzulernen.
Schauen wir uns die tweetende Teeniebraut Sarah-Lee Heinrich an:
Die Mutter wollte es gerne bunt, Papi gab Mami bunt und setzte sich zurück nach „Mother Africa“ ab, als er entweder Alimente zahlen sollte oder weil es ihm im Ruhrgebiet zu „weiß“ war, vielleicht wurde er auch abgeschoben, ich habe keine Ahnung. Fakt ist, Papi ist nach Guinea oder sonstwohin, wo der Pfeffer wächst, verschwunden. Mami stand nun da mit einem kleinen Kind, Vater unbekannt verzogen und das mit dem Verziehen musste sie daher allein übernehmen. Arbeiten kann sie deshalb auch nicht, oder auch nicht, weil sie nichts kann oder krank ist oder faul oder alles zusammen. Die Kleinfamilie lebt von HartzIV, das Geld ist knapp, die wöchentliche Tiefkühlpizza bildet das kulinarische Wochenhighlight, während Chaim Noll und ich in diesem Alter wenigstens einmal monatlich schön ins Restaurant mitgingen. Wir erhielten mittags, jede Wette, meistens frisch gekocht. Nicht immer toll, nicht immer schön, aber wir (s)aßen als Familie nebst den dazugehörigen Gesprächen zusammen. Unsere Eltern haben nicht schwer gesoffen oder sich mittels Drogen kleine Urlaube von der Realität gegönnt. Dafür sind sie mit uns in Urlaube gefahren, wann immer dies möglich war und wir haben fremde Länder, Kulturen und Sitten kennengelernt.
Ich wuchs in einer Doppelhaushälfte auf dem Land mit 600 m² Garten auf, von Chaim Noll weiß ich es nicht. Mama Heinrich wächst mit der kleinen Sarah-Lee im Wohnblock im HartzIV-Distrikt auf. Die Treppenhäuser riechen nach Pisse, der Sperrmüll steht auf der Straße und wenigstens einmal die Woche brüllt irgendjemand herum und die Türen fliegen. Ich nehme Wetten an, Klein-Sarah-Lee kam mit dem Schlüssel um den Hals in die Wohnung, wenn sie sich durch die anderen harten Jungs mit und ohne Migrations-Hinter- und Hauptgrund gekämpft hat. Während Chaim Noll und ich feingeistig im gleichen Alter griechische und römische Heldensagen oder Karl May lasen, durfte little Sarah auf dem Handy daddeln oder hatte einen gebrauchten Game-Boy oder spielte bei einem der Nachbarskinder auf der Playstation, statt auf Geige und Klavier.
Wer von uns drei Hübschen hatte es wohl leichter, aufs Gymnasium zu kommen und Abi zu machen (wobei ich gar keines habe)? Was und wer verleiht mir eigentlich das Recht, auf die „Prollbraut“ Sarah-Lee Heinrich herabzusehen und sie für ihre Tweets von vor sechs Jahren zu verachten? Sarah-Lee Heinrich musste kämpfen, seit sie klein war. Um Liebe, Aufmerksamkeit, Akzeptanz, nicht einmal primär wegen ihrer Hautfarbe, sondern wegen ihres sozialen Status´ und Werdegangs. Möglicherweise würde ich auch über „Fotzen und Schwänze schreiben, Du Drecksau“, wenn ich den Werdegang von Frau Heinrich gehabt hätte.
Sie musste sich durchsetzen, hart sein, am besten die Härteste im Block, zwischen dem ganzen anderen unterbelichteten, arbeitsscheuen, nichtsdestotrotz großmäuligen Gesindel aus aller Herren und Untergebenen Ländern sich Respekt verschaffen. Ja verdammt, da klingst Du mit 14 tatsächlich anders als der Nachbarjunge aus der intakten, bürgerlichen Vorstadtfamilie, der Werte und Traditionen quasi im Vorbeigehen gelernt hat. Wie anmaßend und ungerecht sind wir eigentlich, diese junge Frau nach ihren Tweets aus Kindertagen zu be- und verurteilen?
Ich glaube, dass die Kritik an den Kindertweets von Sarah-Lee Heinrich eigentlich in eine ganz andere Richtung zielt: Wäre Sarah-Lee Heinrich Sprecherin der Jugendorganisation der AfD, wäre sie öffentlich medial zerfetzt und zerrissen, gnadenlos geachtundachzigteilt worden, ohne Rück- und Nachfragen. Da sie jedoch Sprecherin der GJ ist, scheinen die Medien hier beide Augen zudrücken zu wollen. Es ist diese Ungleichbehandlung, die so sehr nervt. Der eine verliert seinen Job wegen zweier falsch gesetzter Likes, die andere zieht übelst rassistisch vom Leder und alle so „so what“? Und womit? Mit Recht.
Denn:
Dieses unter derart prekären und prolligen Verhältnissen aufwachsende Mädchen schaffte es tatsächlich aufs Gymnasium, wurde Schülersprecherin und bekam sogar ein Stipendium. Und nicht nur das: Nach ihrem Abitur begann sie ihr Studium, zuerst an der Uni Bonn, dann an der Uni Köln. Sie ist übrigens die erste aus ihrer Familie, die studiert. Diese junge Dame hat, in ihrem Jargon gesagt, mehr Eier in der Hose als Chaim Noll und ich zusammen. Die hat sich hingesetzt, gelernt und gebüffelt, weil sie sich aus dem Dreck um sie herum freischwimmen wollte, sie dürfte kaum oder sogar keinerlei Hilfe dabei gehabt haben, sie musste sich das alles alleine erarbeiten, musste härter und mehr dafür schuften, als Chaim Noll und ich. Ja, wir hatten es leichter und ja, wir sind tatsächlich privilegiert gewesen und sind es noch. Auch, wenn das weder unser Verdienst noch unsere Schuld ist.
Und Frau Heinrich wurde jetzt Sprecherin der Grünen Jugend.
Sarah-Lee Heinrich hat es bis hierher geschafft. Gegen alle Wahrscheinlichkeiten. Wo ihre Historie vielleicht in der Vergangenheit zu Gegenwind führte, hat sie die Chance ergriffen und diese Historie zu Rückenwind gemacht. Bei den Grünen. Wo ihr ihr Geschlecht vielleicht im Weg stand, hier war es förderlich. Wo ihr ihre Hautfarbe vielleicht hinderlich war, wurde sie hier ihr Vorteil.
Wenn ihr überhaupt und wirklich etwas vorzuwerfen ist, dann dies: Sie lebt den Traum von „Karriere durch eigene Anstrengung“ und verleugnet gleichzeitig, dass dieser Traum möglich und in die Realität umsetzbar ist. Sie ist der überzeugende und lebende Beweis, dass es keine Rolle spielt, woher Du kommst, an welchen Gott Du glaubst oder welche Hautfarbe Du hast, wenn Du Dich nur anstrengst und reinkniest. Egal, wie schlecht Deine Voraussetzungen sind. Meinen tief empfundenen Respekt, Sarah-Lee Heinrich. Eigentlich gehörst Du in eine ganz andere Partei. Irgendetwas mit Liberal.

Ist das nicht süß? Wirklich zuckersüß, wie sie jetzt alle springen, tanzen und singen? Da kommt so ein Ami aus Amirika zur Münchner Sicherheitskonferenz und hält den bei Häppchen und Sekt versammelten grauen Köpfen der europäischen Nomenklatura einen 20-minütigen, freien und fehlerlosen Vortrag über Demokratie und Mehrheiten, verzwergt seine Zuhörer und deklassiert sie und landauf landab fliegen die geohrfeigten Köpfe der Brandmaurer. Da stellt sich dann ausgerechnet ein ausgebildeter Neo-Sozialist wie der Bundespräsident, der vor nicht einmal 12 Monaten den amtierenden Präsidenten der USA als „Hassprediger“ abgekanzelt hat, hin und verbittet sich eine Einmischung der Amerikaner in die lautere und tadellose Demokratie der Schwachkopf-Anzeiger, „So-Done“-Betreiber und Morgens-aus-dem-Bett-Klingler. Da sind sie alle ganz aufgeregt, die, die nicht müde wurden, zu beteuern, dass mit Donald Trump das absolut Böse ins Weiße Haus einziehen wird. Die den altersschwachen Joe Biden zu einem stolzen Führer der freien Welt mit dem absoluten Überblick verklärten, um gleich anschließend Kamala Harris zu einer Lichtgestalt zu verklären, die den Heiligenschein Jesu um Milliarden Lux überstrahlte. Diese Politiker und Medien beschweren sich nun wie mit der Hand in der Keksdose ertappte Kinder über eine Rede, die ihnen, den Führern des Wertewestens und des freiesten und buntesten und diversesten Europas, das es je seit der Belagerung Konstantinopels gab, die demokratischen Leviten liest. Witzig – während ich diese Zeilen schreibe, lese ich auf X, dass der Rechtsanwalt Markus Roscher zu 3.000,- € Geldstrafe verurteilt wurde, weil er in einem Tweet Habeck, Scholz und Baerbock für das Heizungsgesetz als „boshafte Versager“ bezeichnet hat. Sein Waffenschein steht nun wegen „Unzuverlässigkeit“ ebenfalls zur Diskussion. Außerdem muss er im „Wiederholungsfall“ – nämlich, dass er die Genannten „in ihrem öffentlichen Wirken erheblich beeinträchtigt“ – damit rechnen, dass ihm der Entzug seiner Anwaltslizenz droht. Außerdem wurde er gewarnt, dass er im Einspruchsverfahren mit einer noch höheren Geldstrafe rechnen müsste. Sieht so die Meinungsfreiheit „unserer Demokratie“ aus? Das exakt ist es, was Vance mit seiner Rede gemeint hat. Und was unsere Politisierenden und die geneigten Medien vehement und ganz wehrhaft mit wedelnden Armen abstreiten. „Keine Meinungsfreiheit? Stimmt ja gar nicht! Halt die Fresse!“ Ich mag die AfD nicht. Ich finde sie zu wenigstens 60% ganz schrecklich, weil da auch ganz schreckliche Leute mitmachen, deren Stammtische ich schon in Jugendtagen gemieden habe, obwohl es die da noch gar nicht gab. Das spielt in einer Demokratie aber keine Rolle, wen ich mag oder nicht mag. Ich persönlich finde Grüne und Linke noch viel schrecklicher, radikaler und ja – auch gewalttätiger. Erst recht, wenn sie 1933 als Rechtfertigung für Zerstörung und Körperverletzung als Alibi heranziehen. Aber ebenso, wie ich die Einen ertragen muss, muss ich auch die anderen ertragen. Und, als Demokrat, bestenfalls mit beiden reden, weil sie vielleicht ja doch einen Punkt haben. Außerdem ist es unfair und undemokratisch, eine 20%-Partei in ihrer parlamentarischen Arbeit zu behindern und ihnen ihrer Partei zustehende Posten zu verweigern oder Gesetze und Regeln so elegant hinzubiegen, dass sie keine Chance haben, für das Geld, das sie auch von ihren Wählern bekommen, Ihren Job zu machen. Unser Grundgesetz (dessen Hochhalten in Corona bereits bestraft wurde) sieht keine „guten“ und „schlechten“ Wählerstimmen vor. Es gibt schlicht keine Abstufung. Vance hat nichts anderes gesagt als seinerzeit Gorbatschow zu den Betonköpfen im Politbüro: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“. Wer sich nicht um die Anliegen von mindestens 20% - eigentlich aber sogar mehr als 50% aller Wähler kümmert (ja, wir reden hier von illegaler Migration und Union und AfD gemeinsam), der darf sich dann auch nicht wundern, wenn die eigene, überhebliche Arroganz gegenüber dem Wahlvolk, das die ganze Butze finanziert, zur eigenen Abwahl führt. Es ist das tiefste Wesen einer Demokratie, dass es keinen Adel und keine Kaste gibt und das Volk seine Regierungen bei Nichtbeachtung abwählen und einer neuen Regierung eine neue Chance geben kann, darf, soll und – im Eigeninteresse – sogar muss. Nichts anderes hat Vance versucht, seinen europäischen Gesprächspartnern, die nun gemeinsam mit den ihnen gewogenen Medien aufgeregt flügelschlagend umeinanderkreisen, klarzumachen. Und als Antwort bekommt er – und wir – unter dem Strich die gleiche Antwort, die seinerzeit Honecker gab: „Unsere Demokratie in ihrem Lauf halten weder Trump noch Vance auf“. Flankiert von dem üblichen Gesülze von Trump als Sith-Lord mit Musk und Vance als böse Palatine. Die glauben das wirklich! Außerdem hat Vance mit Weidel und Merz gesprochen. GESPROCHEN! Sie haben richtig gelesen. Die Amerikaner haben glasklar erkannt, dass mit der EU und den Wichtigtuern der deutschen Regierungsparteien schlicht „kein Staat“ zu machen ist. „America first“ heißt auch „Europe second“ und die Rede von Vance und die Reaktionen darauf haben tatsächlich gezeigt, mit welchen eitlen und wichtigtuerischen Wichten wir es in „unserer Demokratie“ zu tun haben. Wird sich aber nun etwas ändern? Natürlich nicht. Die europäischen Kleinmächte mit ihren zappeligen Demokratieminderleistern werden sich einigeln und hoffen, dass die nächsten vier Jahre Trump und dann vielleicht vier Jahre Vance an ihnen wie ein Gewittersturm vorüberziehen werden. An uns als Wählern liegt es, ob dies so sein wird.

Haben Sie die Bilder gesehen? Robert Habeck hat eines verbreitet, Olaf Scholz ein anderes. Robert Habeck war nämlich in Auschwitz. Aber nur als Besucher. Olaf Scholz auch, auch als Tourist. Auf dem Bild Robert Habecks sieht man ihn aus der Rückenansicht, wie er zwischen einem Gebäude (dem Krematorium?) und zwei Stacheldrahtzäunen, ganz allein, fast einsam, entlangflaniert. Das ganze Bild, in einen orangen Filter getaucht, erinnert stark an die „Jever“-Werbung. Ein Mann. Seine Gedanken. Ein KZ. Veröffentlicht hat Robert Habeck das Bild auf X mit dem Untertext: „Heute, am 80. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz, habe ich in Polen das Stammlager I und später das Konzentrations- und Vernichtungslager in Auschwitz-Birkenau besucht. Neben dem offiziellen Teil gab es auch ein paar Momente allein. Ich brauche dazu nichts zu sagen, denke ich.“ Ein paar Momente. Allein. Robert Habeck mit sich selbst. Und dem Kameramann. Und den Personenschützern. Möglicherweise auch mit seinem Social-Media-Team und seinem Wahlkampfteam. Aber allein. Hauptsache allein. Mit seinen Gedanken. Und die teilt er mit, indem er sie nicht mitteilt. So isser, unser Robert, gell? So ein eigentlich stiller, besinnlicher und, ja, auch tief philosophischer Typ. Ich kann mich nicht gegen meine Phantasie wehren. Ich sehe mich mit Robert Habeck und seinem Team da, in dieser Todesgasse stehen und das, was wie ein Schnappschuss – welch grässliches Wort in einem Konzentrationslager – aussieht, inszenieren: „Robert, wir machen das von hinten. Wie in der Werbung. Geh ein paar Schritte nach da. Nicht umdrehen, Robert, NICHT UMDREHEN, HERRGOTT, ja, so isses gut, Stimmt das Licht, Malte? Klasse. Nicht so weit weg, Robert, es muss zufällig aussehen und wir können das Stativ und das Licht nicht hinter Dir hertragen. Geh nochmal so… JA, PASST, IS IM KASTEN! Super Robert, das wird ein Kracher!“ Ein Hauch von Bierwerbung weht durch das Bild: Wie das KZ, so das Jever. Ich weiß nicht, ob er oder Olaf Scholz schneller war, unser Kanzler ließ sich von hinten insze… fotografieren, wie er vor einem der Öfen im Krematorium steht. Mittig. Im gedämpften Licht. Besinnlich und sich besinnend. Ob er da ein Gebet gesprochen hat? Man weiß es nicht, aber die Bildkomposition ist sehr schön, sehr symmetrisch. Da hat das Fotografierende gut mitgedacht. Diesen beiden Typen ist das vielleicht grausigste und grausamste Vernichtungslager der Welt nicht zu schade, um sich zu Wahlkampf- und Eigendarstellungszwecken optisch hübsch in Szene zu setzen, um einen auf „besinnlich“ zu machen. Das, was vor Ort passiert ist, wo Menschen verprügelt, verreckt und schlussendlich vergast wurden, wird heute von ganz aufrecht unserdemokratischen Politikern zur Gruselkulisse für nicht hässliche Bilder, zum „Auschwitzland“ für professionelles Trauern herabgewürdigt. Wahres und echtes Gedenken braucht keine Pressefotografen, sondern Ruhe und Geschichtsbewusstsein, was ich mit einem Pulk von Fotografen, Security und Begleitentourage für höchst schwierig halte. Beide Bilder haben einen bitteren Beigeschmack von „Halloho? Ich trauere und bin nachdenklich! Seht Ihr, wie ich trauere? Seht Ihr es? Kinners, hierher, ich trauere! Guck, da der Ofen, da der Stacheldraht, schrecklich. Soll ich nochmal im Halbprofil…?“ Es gibt vielleicht noch eine Handvoll Leute, die aus Auschwitz entkommen und bewusst erzählen können, wie es war und auch sie werden bald gestorben sein. Wer als 10-jähriger da hinkam und überlebte, ist spätestens 1935 geboren und heute 90 Jahre alt. In zehn bis zwanzig Jahren wird die Erinnerung an den Holocaust nur noch virtuell in Filmen und Literatur gegenwärtig sein, da es keine Zeitzeugen mehr gibt, die das Monströse dieses Ortes aus eigener Anschauung vermitteln können. Dann wird Auschwitz endgültig zur Gedenkkulisse von Politikern herabgewürdigt werden, wenn die Museumsleitung hier nicht eingreift. Eigentlich sollte auf dem gesamten Gelände ein Fotografier-Verbot herrschen. Auch und besonders für Politiker. Das ist kein Ort, um Besinnlichkeit zu heucheln und publikumswirksame Bilder zu schießen. Oder lustige Selfies für Instagram und Tiktok zu machen. Was kommt als Nächstes? „My friends went to Auschwitz and all I got was this lousy T-Shirt“? Das ist Auschwitz. Der Ort eines der größten Verbrechen der Menschheit. Ein Ort, an dem Täter zu viehischen Barbaren und Opfer zur vernichtbaren Objekten herabgewürdigt wurden. Ein Ort, gegen den die Hölle ein angenehmer Platz sein muss. Ein Ort, an dem es keine Moral und keine Menschlichkeit mehr gab. Und an diesem Ort standen zwei Politiker in guter Ausleuchtung und simulierten Anteilnahme. Dann reisten sie wieder ab und beschlossen, noch mehr Judenhasser ins Land zu lassen. Es widert mich nur noch an.


