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Welcher Weg ist das Ziel?
Thilo Schneider • 8. Mai 2020
Palmer und der Zielkonflikt

So! Jetzt reicht es den Grünenden aber endlösungsgültig mit Boris Palmer (im Fachjargon: „dem liberalen Drecksack“). Der Grünen-Fraktionschef im Tübinger Gemeinderat möchte nicht, dass Palmer zur nächsten Oberprüglerwahl 2022 in Tübingen noch einmal antritt. Zumindest nicht für die Grünenden. Und auch Deutschlands berühmtestem Parkettbügler und Wuschelkopf Robert „the brain“ Habecks „Geduld ist erschöpft“.
Wie immer sind Medien und Politiker wenig geneigt, einander zuzuhören. Auf jemanden einzutreten macht allerdings auch mehr Spaß, als auf ihn einzugehen. Ich versuche dennoch, Palmers Gedankengang zu erläutern und zu simplifizieren und es in einem Satz einzudampfen: Macht es Sinn, die komplette Weltwirtschaft an die Wand zu fahren, um manchen Menschen ein ein- oder zwei Jahre längeres Leben zu ermöglichen, wenn diese Maßnahme andere Menschen zwanzig oder vierzig oder sechzig Jahre Lebenszeit kostet?
Ich persönlich finde, dass diese Frage durchaus berechtigt ist und nicht nur gestellt werden darf, sondern sogar gestellt werden muss. Würden wir die Coronabeschränkungen dann lockern oder aufheben, wenn die Selbstmordrate die der Coronatoten übersteigt? Palmer wurde „Herzlosigkeit“ vorgeworfen, aber Mathematik und Logik sind nun einmal herzlos, das beißt die Maus keinen Lebensfaden ab. Matheschulaufgaben orientieren sich am Ergebnis und nicht daran, was das Ergebnis gefühlsmäßig mit dem Schüler macht. Ich weiß, ich habe gut reden, ich bin ja keine 85 Jahre alt. Noch nicht. Und wahrscheinlich denke ich anders, falls ich es schaffe, 85 Jahre alt zu werden. In diesem Falle würde ich mir selbst allerdings freiwillig eine Quarantäne auferlegen, wenn draußen nur noch Verseuchte herumlaufen. Oder, falls ich es selbst nicht mehr entscheiden kann, mir eine Person wünschen, die das zu meinem Besten entscheidet. In meiner eigenen Patientenverfügung habe ich mich gegen „lebenserhaltende Maßnahmen um jeden Preis“ entschieden. Es wäre nur nett, wenn ich dereinst keine Schmerzen hätte.
Sauber und ethisch schön hört es sich natürlich an, dass „jedes Leben erhaltenswert ist“. Wer wollte das auch in Frage stellen? Diesem Satz kann mit Sicherheit jeder zustimmen. Aber natürlich darf es auch Ausnahmen geben: Ich glaube, die Welt ist ohne Julius Streicher oder Osama bin Laden besser dran. Das Ganze ist doch das Dilemma des „Tyrannenmords“. Wäre es legitim gewesen, Hitler zu töten, wenn dadurch der Holocaust oder der Zweite Weltkrieg verhindert worden wären? Ja? Wie war das gerade? Ist eben nicht „jedes Leben erhaltenswert“? Da ist er, der Zielkonflikt: Wirkt das Leben eines 85-jährigen schwerer als das von zehn Zehnjährigen? Oder umgekehrt: Sind zehn afrikanische Kinder mehr wert als ein deutscher Rentner im hohen Alter mit einer Latte Vorerkrankungen? Die Aussage Palmers lässt sich durchaus hin und her drehen – wenn man böswillig ist.
Ich glaube, Palmer wird nicht zum Vorwurf gemacht, dass er die entsprechende Aussage getätigt hat. Vielmehr gilt der Vorwurf der Tatsache, dass er die Frage überhaupt aufgeworfen und so die agierenden Politiker in ihrer Behaglichkeit gestört hat. Denn tatsächlich begeht Palmer, wenn er ihn denn begeht, einen viel schlimmeren Tabubruch: Er redet darüber, dass Menschen sterben. Und das werden wir nun einmal und dereinst alle müssen, egal, ob Raucher oder Fahrradfahrer. Wir reden in diesem einen Fall nie über das „ob“, sondern nur über das „wann“. Bestenfalls noch das „wie“.
Und genau aus diesen Fragen lässt sich auch mir ein veritabler Strick drehen: Böswillig und auf die Spitze getrieben, könnte man mir unterstellen, ich spräche mich verklausuliert dafür aus, Menschen ab einem Alter X einfach töten zu wollen, wenn es den Jüngeren nützt. So schnell wären wir dann im Jahre 2022 und bei „Soylent Green“.
Dabei meinten es weder Palmer noch ich so. Im Grunde geht es darum: In welcher Welt wollen wir leben – und sterben? Und wer zahlt welchen Preis dafür? Denn wenn wir nicht über exakt diesen Punkt diskutieren, dann sterben letztlich sowohl die Jungen als auch die Alten früher und schneller. Ist es das, was wir dann unter „ethischer Gerechtigkeit“ verstehen? Die Problematik nicht sehen zu wollen, ist auf jeden Fall bequemer. Solange es einen nicht selbst betrifft.
Ich habe, ebenso wie Palmer, der Papst und sogar meine Mutter, keine Lösung anzubieten. Ich weiß nicht, was richtig oder falsch ist. Ich kann nur versuchen, mir anhand der Diskussion über das Thema eine Meinung zu bilden. Dazu muss aber eine Diskussion überhaupt erst einmal stattfinden. Und das hat Palmer leichtsinnigerweise versucht.
Was war denn jetzt schon wieder passiert? Boris Palmer sagte im Frühstücksfernsehen ganz brutal: „Ich sag es Ihnen mal ganz brutal: Wir retten in Deutschland möglicherweise Menschen, die in einem halben Jahr sowieso tot wären.“ Hat er gesagt. Jawohl. Und dann hat er noch einen draufgesetzt, der Palmer Boris. Er meinte, der „Armutsschock, den der weltweite wirtschaftliche Shutdown auslöst, bringe nach Einschätzung der UN Millionen Kinder ums Leben.“ Gemacht wurde von medialer Seite dann daraus: „Palmer grenzt Alte aus“. Und das war die nette Version. Von „Euthanasie“ war selbstunverständlich auch die Rede und von einem Angriff Palmers auf die Menschenwürde. LaOlagleiche Empörungswellen schwappten durch die Republik, dabei hatte Palmer nichts anderes als einen Zielkonflikt benannt.
Wie immer sind Medien und Politiker wenig geneigt, einander zuzuhören. Auf jemanden einzutreten macht allerdings auch mehr Spaß, als auf ihn einzugehen. Ich versuche dennoch, Palmers Gedankengang zu erläutern und zu simplifizieren und es in einem Satz einzudampfen: Macht es Sinn, die komplette Weltwirtschaft an die Wand zu fahren, um manchen Menschen ein ein- oder zwei Jahre längeres Leben zu ermöglichen, wenn diese Maßnahme andere Menschen zwanzig oder vierzig oder sechzig Jahre Lebenszeit kostet?
Ich persönlich finde, dass diese Frage durchaus berechtigt ist und nicht nur gestellt werden darf, sondern sogar gestellt werden muss. Würden wir die Coronabeschränkungen dann lockern oder aufheben, wenn die Selbstmordrate die der Coronatoten übersteigt? Palmer wurde „Herzlosigkeit“ vorgeworfen, aber Mathematik und Logik sind nun einmal herzlos, das beißt die Maus keinen Lebensfaden ab. Matheschulaufgaben orientieren sich am Ergebnis und nicht daran, was das Ergebnis gefühlsmäßig mit dem Schüler macht. Ich weiß, ich habe gut reden, ich bin ja keine 85 Jahre alt. Noch nicht. Und wahrscheinlich denke ich anders, falls ich es schaffe, 85 Jahre alt zu werden. In diesem Falle würde ich mir selbst allerdings freiwillig eine Quarantäne auferlegen, wenn draußen nur noch Verseuchte herumlaufen. Oder, falls ich es selbst nicht mehr entscheiden kann, mir eine Person wünschen, die das zu meinem Besten entscheidet. In meiner eigenen Patientenverfügung habe ich mich gegen „lebenserhaltende Maßnahmen um jeden Preis“ entschieden. Es wäre nur nett, wenn ich dereinst keine Schmerzen hätte.
Sauber und ethisch schön hört es sich natürlich an, dass „jedes Leben erhaltenswert ist“. Wer wollte das auch in Frage stellen? Diesem Satz kann mit Sicherheit jeder zustimmen. Aber natürlich darf es auch Ausnahmen geben: Ich glaube, die Welt ist ohne Julius Streicher oder Osama bin Laden besser dran. Das Ganze ist doch das Dilemma des „Tyrannenmords“. Wäre es legitim gewesen, Hitler zu töten, wenn dadurch der Holocaust oder der Zweite Weltkrieg verhindert worden wären? Ja? Wie war das gerade? Ist eben nicht „jedes Leben erhaltenswert“? Da ist er, der Zielkonflikt: Wirkt das Leben eines 85-jährigen schwerer als das von zehn Zehnjährigen? Oder umgekehrt: Sind zehn afrikanische Kinder mehr wert als ein deutscher Rentner im hohen Alter mit einer Latte Vorerkrankungen? Die Aussage Palmers lässt sich durchaus hin und her drehen – wenn man böswillig ist.
Ich glaube, Palmer wird nicht zum Vorwurf gemacht, dass er die entsprechende Aussage getätigt hat. Vielmehr gilt der Vorwurf der Tatsache, dass er die Frage überhaupt aufgeworfen und so die agierenden Politiker in ihrer Behaglichkeit gestört hat. Denn tatsächlich begeht Palmer, wenn er ihn denn begeht, einen viel schlimmeren Tabubruch: Er redet darüber, dass Menschen sterben. Und das werden wir nun einmal und dereinst alle müssen, egal, ob Raucher oder Fahrradfahrer. Wir reden in diesem einen Fall nie über das „ob“, sondern nur über das „wann“. Bestenfalls noch das „wie“.
Es ist nun einmal ein unumstößlicher Fakt, dass wir alle sterblich sind. Und die allermeisten Menschen sterben an Altersschwäche oder den damit einhergehenden Krankheiten. Wir haben nur den Tod aus unserer Gesellschaft verbannt und nehmen ihn möglichst nicht mehr zur Kenntnis. Palmer hat tatsächlich den Tod aus dem Vergessen gerissen. Und dann wird der Tod eben zur „Preisfrage“.
Natürlich sollten wir als Gesellschaft darüber nachdenken, bis wann eine Herztransplantation noch sinnvoll ist. Und da würde ich eine 30-jährigen Familienvater durchaus im Vorteil gegenüber einem 90-jährigen Pflegefall sehen. Erst recht, wenn ich als Arzt nur ein Herz zur Transplantation zur Verfügung hätte und danach im wahrsten Wortsinne herzlos bin. Ich glaube, die Entscheidung fiele mir leicht… Selbst, wenn der 90-Jährige mein Vater wäre. Und so haben wir eben nur eine Weltwirtschaft, die 8 Milliarden Menschen ernähren muss, die ist nun einmal unser Herz. Das Herz der Menschheit. Ob uns das gefällt oder nicht gefällt, ist gar nicht die Frage. Es ist eben so. Wenn wir diese Wirtschaft ausknipsen, um Alte zu schützen, die wir nicht einmal gefragt haben, ob sie denn geschützt werden wollen, welchen ethisch-moralischen Preis sind wir bereit, dafür zu zahlen? Welche „hässlichen Bilder“ können wir ertragen und welche Bilder sind „hässlicher“? Wem nutzen oder schaden wir dabei auf lange Sicht?
Und genau aus diesen Fragen lässt sich auch mir ein veritabler Strick drehen: Böswillig und auf die Spitze getrieben, könnte man mir unterstellen, ich spräche mich verklausuliert dafür aus, Menschen ab einem Alter X einfach töten zu wollen, wenn es den Jüngeren nützt. So schnell wären wir dann im Jahre 2022 und bei „Soylent Green“.
Dabei meinten es weder Palmer noch ich so. Im Grunde geht es darum: In welcher Welt wollen wir leben – und sterben? Und wer zahlt welchen Preis dafür? Denn wenn wir nicht über exakt diesen Punkt diskutieren, dann sterben letztlich sowohl die Jungen als auch die Alten früher und schneller. Ist es das, was wir dann unter „ethischer Gerechtigkeit“ verstehen? Die Problematik nicht sehen zu wollen, ist auf jeden Fall bequemer. Solange es einen nicht selbst betrifft.
Ich habe, ebenso wie Palmer, der Papst und sogar meine Mutter, keine Lösung anzubieten. Ich weiß nicht, was richtig oder falsch ist. Ich kann nur versuchen, mir anhand der Diskussion über das Thema eine Meinung zu bilden. Dazu muss aber eine Diskussion überhaupt erst einmal stattfinden. Und das hat Palmer leichtsinnigerweise versucht.

Ist das nicht süß? Wirklich zuckersüß, wie sie jetzt alle springen, tanzen und singen? Da kommt so ein Ami aus Amirika zur Münchner Sicherheitskonferenz und hält den bei Häppchen und Sekt versammelten grauen Köpfen der europäischen Nomenklatura einen 20-minütigen, freien und fehlerlosen Vortrag über Demokratie und Mehrheiten, verzwergt seine Zuhörer und deklassiert sie und landauf landab fliegen die geohrfeigten Köpfe der Brandmaurer. Da stellt sich dann ausgerechnet ein ausgebildeter Neo-Sozialist wie der Bundespräsident, der vor nicht einmal 12 Monaten den amtierenden Präsidenten der USA als „Hassprediger“ abgekanzelt hat, hin und verbittet sich eine Einmischung der Amerikaner in die lautere und tadellose Demokratie der Schwachkopf-Anzeiger, „So-Done“-Betreiber und Morgens-aus-dem-Bett-Klingler. Da sind sie alle ganz aufgeregt, die, die nicht müde wurden, zu beteuern, dass mit Donald Trump das absolut Böse ins Weiße Haus einziehen wird. Die den altersschwachen Joe Biden zu einem stolzen Führer der freien Welt mit dem absoluten Überblick verklärten, um gleich anschließend Kamala Harris zu einer Lichtgestalt zu verklären, die den Heiligenschein Jesu um Milliarden Lux überstrahlte. Diese Politiker und Medien beschweren sich nun wie mit der Hand in der Keksdose ertappte Kinder über eine Rede, die ihnen, den Führern des Wertewestens und des freiesten und buntesten und diversesten Europas, das es je seit der Belagerung Konstantinopels gab, die demokratischen Leviten liest. Witzig – während ich diese Zeilen schreibe, lese ich auf X, dass der Rechtsanwalt Markus Roscher zu 3.000,- € Geldstrafe verurteilt wurde, weil er in einem Tweet Habeck, Scholz und Baerbock für das Heizungsgesetz als „boshafte Versager“ bezeichnet hat. Sein Waffenschein steht nun wegen „Unzuverlässigkeit“ ebenfalls zur Diskussion. Außerdem muss er im „Wiederholungsfall“ – nämlich, dass er die Genannten „in ihrem öffentlichen Wirken erheblich beeinträchtigt“ – damit rechnen, dass ihm der Entzug seiner Anwaltslizenz droht. Außerdem wurde er gewarnt, dass er im Einspruchsverfahren mit einer noch höheren Geldstrafe rechnen müsste. Sieht so die Meinungsfreiheit „unserer Demokratie“ aus? Das exakt ist es, was Vance mit seiner Rede gemeint hat. Und was unsere Politisierenden und die geneigten Medien vehement und ganz wehrhaft mit wedelnden Armen abstreiten. „Keine Meinungsfreiheit? Stimmt ja gar nicht! Halt die Fresse!“ Ich mag die AfD nicht. Ich finde sie zu wenigstens 60% ganz schrecklich, weil da auch ganz schreckliche Leute mitmachen, deren Stammtische ich schon in Jugendtagen gemieden habe, obwohl es die da noch gar nicht gab. Das spielt in einer Demokratie aber keine Rolle, wen ich mag oder nicht mag. Ich persönlich finde Grüne und Linke noch viel schrecklicher, radikaler und ja – auch gewalttätiger. Erst recht, wenn sie 1933 als Rechtfertigung für Zerstörung und Körperverletzung als Alibi heranziehen. Aber ebenso, wie ich die Einen ertragen muss, muss ich auch die anderen ertragen. Und, als Demokrat, bestenfalls mit beiden reden, weil sie vielleicht ja doch einen Punkt haben. Außerdem ist es unfair und undemokratisch, eine 20%-Partei in ihrer parlamentarischen Arbeit zu behindern und ihnen ihrer Partei zustehende Posten zu verweigern oder Gesetze und Regeln so elegant hinzubiegen, dass sie keine Chance haben, für das Geld, das sie auch von ihren Wählern bekommen, Ihren Job zu machen. Unser Grundgesetz (dessen Hochhalten in Corona bereits bestraft wurde) sieht keine „guten“ und „schlechten“ Wählerstimmen vor. Es gibt schlicht keine Abstufung. Vance hat nichts anderes gesagt als seinerzeit Gorbatschow zu den Betonköpfen im Politbüro: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“. Wer sich nicht um die Anliegen von mindestens 20% - eigentlich aber sogar mehr als 50% aller Wähler kümmert (ja, wir reden hier von illegaler Migration und Union und AfD gemeinsam), der darf sich dann auch nicht wundern, wenn die eigene, überhebliche Arroganz gegenüber dem Wahlvolk, das die ganze Butze finanziert, zur eigenen Abwahl führt. Es ist das tiefste Wesen einer Demokratie, dass es keinen Adel und keine Kaste gibt und das Volk seine Regierungen bei Nichtbeachtung abwählen und einer neuen Regierung eine neue Chance geben kann, darf, soll und – im Eigeninteresse – sogar muss. Nichts anderes hat Vance versucht, seinen europäischen Gesprächspartnern, die nun gemeinsam mit den ihnen gewogenen Medien aufgeregt flügelschlagend umeinanderkreisen, klarzumachen. Und als Antwort bekommt er – und wir – unter dem Strich die gleiche Antwort, die seinerzeit Honecker gab: „Unsere Demokratie in ihrem Lauf halten weder Trump noch Vance auf“. Flankiert von dem üblichen Gesülze von Trump als Sith-Lord mit Musk und Vance als böse Palatine. Die glauben das wirklich! Außerdem hat Vance mit Weidel und Merz gesprochen. GESPROCHEN! Sie haben richtig gelesen. Die Amerikaner haben glasklar erkannt, dass mit der EU und den Wichtigtuern der deutschen Regierungsparteien schlicht „kein Staat“ zu machen ist. „America first“ heißt auch „Europe second“ und die Rede von Vance und die Reaktionen darauf haben tatsächlich gezeigt, mit welchen eitlen und wichtigtuerischen Wichten wir es in „unserer Demokratie“ zu tun haben. Wird sich aber nun etwas ändern? Natürlich nicht. Die europäischen Kleinmächte mit ihren zappeligen Demokratieminderleistern werden sich einigeln und hoffen, dass die nächsten vier Jahre Trump und dann vielleicht vier Jahre Vance an ihnen wie ein Gewittersturm vorüberziehen werden. An uns als Wählern liegt es, ob dies so sein wird.

Haben Sie die Bilder gesehen? Robert Habeck hat eines verbreitet, Olaf Scholz ein anderes. Robert Habeck war nämlich in Auschwitz. Aber nur als Besucher. Olaf Scholz auch, auch als Tourist. Auf dem Bild Robert Habecks sieht man ihn aus der Rückenansicht, wie er zwischen einem Gebäude (dem Krematorium?) und zwei Stacheldrahtzäunen, ganz allein, fast einsam, entlangflaniert. Das ganze Bild, in einen orangen Filter getaucht, erinnert stark an die „Jever“-Werbung. Ein Mann. Seine Gedanken. Ein KZ. Veröffentlicht hat Robert Habeck das Bild auf X mit dem Untertext: „Heute, am 80. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz, habe ich in Polen das Stammlager I und später das Konzentrations- und Vernichtungslager in Auschwitz-Birkenau besucht. Neben dem offiziellen Teil gab es auch ein paar Momente allein. Ich brauche dazu nichts zu sagen, denke ich.“ Ein paar Momente. Allein. Robert Habeck mit sich selbst. Und dem Kameramann. Und den Personenschützern. Möglicherweise auch mit seinem Social-Media-Team und seinem Wahlkampfteam. Aber allein. Hauptsache allein. Mit seinen Gedanken. Und die teilt er mit, indem er sie nicht mitteilt. So isser, unser Robert, gell? So ein eigentlich stiller, besinnlicher und, ja, auch tief philosophischer Typ. Ich kann mich nicht gegen meine Phantasie wehren. Ich sehe mich mit Robert Habeck und seinem Team da, in dieser Todesgasse stehen und das, was wie ein Schnappschuss – welch grässliches Wort in einem Konzentrationslager – aussieht, inszenieren: „Robert, wir machen das von hinten. Wie in der Werbung. Geh ein paar Schritte nach da. Nicht umdrehen, Robert, NICHT UMDREHEN, HERRGOTT, ja, so isses gut, Stimmt das Licht, Malte? Klasse. Nicht so weit weg, Robert, es muss zufällig aussehen und wir können das Stativ und das Licht nicht hinter Dir hertragen. Geh nochmal so… JA, PASST, IS IM KASTEN! Super Robert, das wird ein Kracher!“ Ein Hauch von Bierwerbung weht durch das Bild: Wie das KZ, so das Jever. Ich weiß nicht, ob er oder Olaf Scholz schneller war, unser Kanzler ließ sich von hinten insze… fotografieren, wie er vor einem der Öfen im Krematorium steht. Mittig. Im gedämpften Licht. Besinnlich und sich besinnend. Ob er da ein Gebet gesprochen hat? Man weiß es nicht, aber die Bildkomposition ist sehr schön, sehr symmetrisch. Da hat das Fotografierende gut mitgedacht. Diesen beiden Typen ist das vielleicht grausigste und grausamste Vernichtungslager der Welt nicht zu schade, um sich zu Wahlkampf- und Eigendarstellungszwecken optisch hübsch in Szene zu setzen, um einen auf „besinnlich“ zu machen. Das, was vor Ort passiert ist, wo Menschen verprügelt, verreckt und schlussendlich vergast wurden, wird heute von ganz aufrecht unserdemokratischen Politikern zur Gruselkulisse für nicht hässliche Bilder, zum „Auschwitzland“ für professionelles Trauern herabgewürdigt. Wahres und echtes Gedenken braucht keine Pressefotografen, sondern Ruhe und Geschichtsbewusstsein, was ich mit einem Pulk von Fotografen, Security und Begleitentourage für höchst schwierig halte. Beide Bilder haben einen bitteren Beigeschmack von „Halloho? Ich trauere und bin nachdenklich! Seht Ihr, wie ich trauere? Seht Ihr es? Kinners, hierher, ich trauere! Guck, da der Ofen, da der Stacheldraht, schrecklich. Soll ich nochmal im Halbprofil…?“ Es gibt vielleicht noch eine Handvoll Leute, die aus Auschwitz entkommen und bewusst erzählen können, wie es war und auch sie werden bald gestorben sein. Wer als 10-jähriger da hinkam und überlebte, ist spätestens 1935 geboren und heute 90 Jahre alt. In zehn bis zwanzig Jahren wird die Erinnerung an den Holocaust nur noch virtuell in Filmen und Literatur gegenwärtig sein, da es keine Zeitzeugen mehr gibt, die das Monströse dieses Ortes aus eigener Anschauung vermitteln können. Dann wird Auschwitz endgültig zur Gedenkkulisse von Politikern herabgewürdigt werden, wenn die Museumsleitung hier nicht eingreift. Eigentlich sollte auf dem gesamten Gelände ein Fotografier-Verbot herrschen. Auch und besonders für Politiker. Das ist kein Ort, um Besinnlichkeit zu heucheln und publikumswirksame Bilder zu schießen. Oder lustige Selfies für Instagram und Tiktok zu machen. Was kommt als Nächstes? „My friends went to Auschwitz and all I got was this lousy T-Shirt“? Das ist Auschwitz. Der Ort eines der größten Verbrechen der Menschheit. Ein Ort, an dem Täter zu viehischen Barbaren und Opfer zur vernichtbaren Objekten herabgewürdigt wurden. Ein Ort, gegen den die Hölle ein angenehmer Platz sein muss. Ein Ort, an dem es keine Moral und keine Menschlichkeit mehr gab. Und an diesem Ort standen zwei Politiker in guter Ausleuchtung und simulierten Anteilnahme. Dann reisten sie wieder ab und beschlossen, noch mehr Judenhasser ins Land zu lassen. Es widert mich nur noch an.


