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Mein Redeentwurf für Sawsan
Thilo Schneider • 20. August 2020
...how to become SPD-Kandidatin

Die SPD ist ein gar lustiger Verein. Vor allem in Berlin. Da beschließt der regierende Bürgermeister von Berlin, Müller, dass er genug gemüllerbürgermeistert hat und künftig als Abgeordneter des Bundestages und -abends für das Essen von Häppchen bei Empfängen bezahlt werden möchte – und muss dann zu seinem Entsetzen feststellen, dass es in seinem Stammwahlkreis bereits einen Kandidaten gibt. Kevin Kühnert hat sich ganz namensgerecht bereits nominieren lassen, anscheinend war Oberhauptbürgermeister Müller bei der Aufstellungsversammlung des Kreisverbandes Tempelhof-Schöneberg mit Wichtigerem beschäftigt. Ärgerliches Pech.
als mein Vater, damals, im Jahre 1970, bei strömendem Regen und ohne ein Wort Deutsch zu sprechen, sich hier in Berlin zwischen lauter Nazis Asyl gewährte, da konnte niemand ahnen, dass sich seine Tochter, das zweitjüngste Kind einer an Verhütungsmitteln armen, dafür an Kindern reich gesegneten Familie, dereinst um die höchsten politischen Ämter dieser rechtsextremen Republik bewerben würde. Ja, ich gebe zu, meine Kindheit war schwierig. Ich irrte nachts frierend und allein durch die spärlich beleuchteten Straßen dieser geteilten Stadt, verachtet, verängstigt, geschunden und geschlagen von den rechtsnationalen Kräften, die gerade in Berlin alles tun, um das Fortkommen von Migranten und ihren Kindern zu erschweren. Ich aber beschloss, Politikerin zu werden.
Meine Kernkompetenz ist daneben der fließende Umgang mit und in den sozialen, aber auch den öffentlich-rechtlichen Medien, ich besitze eine sehr hohe FollowerInnen-, LeserInnen- und ZuschauerInnenzahl und genieße bis weit in die bürgerlichen Kreise hinein einen hohen Bekanntheits- und natürlich Beliebtheitsgrad. Vor allem konservative EinwandererInnen aus dem Nahen Osten sehen in mir eine Hoffnung und eine Speerspitzin im Kampf gegen den christlich-deutschen Revanchismus der Hauptstadtkreise.
Reden wir nicht lange um den heißen Hummus herum und sagen wir es offen: Mir eine Nominierung zu verweigern, wäre nichts anderes als ein rassistischer und sexistischer Akt fremdenfeindlicher alter weißer Männer, die lieber Ihresgleichen eine Chance geben würden, als ein armes junges Flüchtlingskind im Kampf um die Gleichberechtigung des Islam und der islamischen Frau mit Kopftuch zu unterstützen. Eine solche Verweigerung wäre ferner Wasser auf die Mühlen der AfD und überhaupt der deutsch-konservativen Kräfte hier in der Hauptstadt und das kann kein sozialdemokratischer Müller wollen. Nicht einmal, wenn er ein sozialdemokratischer Michael ist.
Ich bitte Sie daher, mir das gleiche Vertrauen in den Integrationserfolg eines armen Flüchtlingskindes aus der falschen Seite der Stadt entgegenzubringen, wie es einst mein armer, gram- und arbeitsgebeugter Vater mit seinen dreizehn Kindern dem deutschen Sozialstaat entgegenbrachte. Wir alle haben Deutschland so viel heimzuzahlen. Bleiben Sie die progressive, antifaschistische und antizionistische SPD, die Sie immer waren. Setzen Sie sich nicht dem Vorwurf des Rassismus und Sexismus aus. Wählen Sie mich zu Ihrer Bundestagskandidatin für unseren Kreisverband Charlottenburg-Wilmersdorf. Ich fordere Sie dazu ausdrücklich auf. Alles andere wäre eine Beleidigung und Diskriminierung meiner überragenden Person und Persönlichkeit. Einmal mehr. Vertrauen Sie mir. Diesen Schuh wollen Sie sich nicht anziehen. Seien Sie fair.
Möge die Bessere gewinnen. Danke!“
„Na und?“, so denkt sich Herr Müller, „es gibt ja noch den Abstimmungsbezirk Charlottenburg-Wilmersdorf. Ist doch egal. Dann gebe ich eben dort den sozialsozialistischen Spitzenkandidaten.“ Leider hat Sawsan Chebli, das Staatssekretärinnen-Maskottchen der SPD und inoffizielle Flaggschiffin der IIIB („Illegal Integrierte Islamfreunde Berlin“) die gleiche Idee und da es wie bei „Highländer“ nur einen oder eine geben kann, wird es wohl zu einer Kampfkandidatur um den Abgeordnetenkandidatenposten kommen. Auf der einen Seite haben wir demnach eine weltgewandte Persönlichkeit mit einem guten Geschmack für die schönen Konsumartikel dieser Welt und großer Erfahrung im Umgang mit der widerspenstigen Bevölkerung Berlins, auf der anderen Seite Michael Müller. Ein ungleicher Kampf.
Leider wird die Presse bei der Kandidatenkür nicht anwesend sein, deswegen habe ich für die unsink- und denkbare Sawsan Chebli die Bewerbungsrede geschrieben, die sie gerne verwenden kann. Wenn sie es schafft, sie fehlerfrei abzulesen. Obacht:
Leider wird die Presse bei der Kandidatenkür nicht anwesend sein, deswegen habe ich für die unsink- und denkbare Sawsan Chebli die Bewerbungsrede geschrieben, die sie gerne verwenden kann. Wenn sie es schafft, sie fehlerfrei abzulesen. Obacht:
„Liebe Genossinnen und Genossenen, liebe Genießende,
als mein Vater, damals, im Jahre 1970, bei strömendem Regen und ohne ein Wort Deutsch zu sprechen, sich hier in Berlin zwischen lauter Nazis Asyl gewährte, da konnte niemand ahnen, dass sich seine Tochter, das zweitjüngste Kind einer an Verhütungsmitteln armen, dafür an Kindern reich gesegneten Familie, dereinst um die höchsten politischen Ämter dieser rechtsextremen Republik bewerben würde. Ja, ich gebe zu, meine Kindheit war schwierig. Ich irrte nachts frierend und allein durch die spärlich beleuchteten Straßen dieser geteilten Stadt, verachtet, verängstigt, geschunden und geschlagen von den rechtsnationalen Kräften, die gerade in Berlin alles tun, um das Fortkommen von Migranten und ihren Kindern zu erschweren. Ich aber beschloss, Politikerin zu werden.
Ich machte mein Abitur am rechtslastigen Lessing-Gymnasium unter fast lauter Ungläubigen, danach studierte ich gegen manchen hasserfüllten Widerstand Politikwissenschaft, das Studium schloss ich mit Diplom auch ab. Ich möchte nicht im Einzelnen auf meine großartigen und bahnbrechenden politischen Tätigkeiten, die ich gegen sexistische Anwürfe und rassistische Anfeindungen zum Erfolg geführt habe, eingehen, das verbietet mir meine angeborene und von meinen Eltern vermittelte intellektuelle Bescheidenheit, nur so viel: Ohne mich und meine Familie wäre diese Republik um viele Münder und Lacher ärmer.
Meine Kernkompetenz ist daneben der fließende Umgang mit und in den sozialen, aber auch den öffentlich-rechtlichen Medien, ich besitze eine sehr hohe FollowerInnen-, LeserInnen- und ZuschauerInnenzahl und genieße bis weit in die bürgerlichen Kreise hinein einen hohen Bekanntheits- und natürlich Beliebtheitsgrad. Vor allem konservative EinwandererInnen aus dem Nahen Osten sehen in mir eine Hoffnung und eine Speerspitzin im Kampf gegen den christlich-deutschen Revanchismus der Hauptstadtkreise.
Reden wir nicht lange um den heißen Hummus herum und sagen wir es offen: Mir eine Nominierung zu verweigern, wäre nichts anderes als ein rassistischer und sexistischer Akt fremdenfeindlicher alter weißer Männer, die lieber Ihresgleichen eine Chance geben würden, als ein armes junges Flüchtlingskind im Kampf um die Gleichberechtigung des Islam und der islamischen Frau mit Kopftuch zu unterstützen. Eine solche Verweigerung wäre ferner Wasser auf die Mühlen der AfD und überhaupt der deutsch-konservativen Kräfte hier in der Hauptstadt und das kann kein sozialdemokratischer Müller wollen. Nicht einmal, wenn er ein sozialdemokratischer Michael ist.
Ich bitte Sie daher, mir das gleiche Vertrauen in den Integrationserfolg eines armen Flüchtlingskindes aus der falschen Seite der Stadt entgegenzubringen, wie es einst mein armer, gram- und arbeitsgebeugter Vater mit seinen dreizehn Kindern dem deutschen Sozialstaat entgegenbrachte. Wir alle haben Deutschland so viel heimzuzahlen. Bleiben Sie die progressive, antifaschistische und antizionistische SPD, die Sie immer waren. Setzen Sie sich nicht dem Vorwurf des Rassismus und Sexismus aus. Wählen Sie mich zu Ihrer Bundestagskandidatin für unseren Kreisverband Charlottenburg-Wilmersdorf. Ich fordere Sie dazu ausdrücklich auf. Alles andere wäre eine Beleidigung und Diskriminierung meiner überragenden Person und Persönlichkeit. Einmal mehr. Vertrauen Sie mir. Diesen Schuh wollen Sie sich nicht anziehen. Seien Sie fair.
Möge die Bessere gewinnen. Danke!“
Die ahs, ohs und ähms denken Sie sich bitte dazu.

Ist das nicht süß? Wirklich zuckersüß, wie sie jetzt alle springen, tanzen und singen? Da kommt so ein Ami aus Amirika zur Münchner Sicherheitskonferenz und hält den bei Häppchen und Sekt versammelten grauen Köpfen der europäischen Nomenklatura einen 20-minütigen, freien und fehlerlosen Vortrag über Demokratie und Mehrheiten, verzwergt seine Zuhörer und deklassiert sie und landauf landab fliegen die geohrfeigten Köpfe der Brandmaurer. Da stellt sich dann ausgerechnet ein ausgebildeter Neo-Sozialist wie der Bundespräsident, der vor nicht einmal 12 Monaten den amtierenden Präsidenten der USA als „Hassprediger“ abgekanzelt hat, hin und verbittet sich eine Einmischung der Amerikaner in die lautere und tadellose Demokratie der Schwachkopf-Anzeiger, „So-Done“-Betreiber und Morgens-aus-dem-Bett-Klingler. Da sind sie alle ganz aufgeregt, die, die nicht müde wurden, zu beteuern, dass mit Donald Trump das absolut Böse ins Weiße Haus einziehen wird. Die den altersschwachen Joe Biden zu einem stolzen Führer der freien Welt mit dem absoluten Überblick verklärten, um gleich anschließend Kamala Harris zu einer Lichtgestalt zu verklären, die den Heiligenschein Jesu um Milliarden Lux überstrahlte. Diese Politiker und Medien beschweren sich nun wie mit der Hand in der Keksdose ertappte Kinder über eine Rede, die ihnen, den Führern des Wertewestens und des freiesten und buntesten und diversesten Europas, das es je seit der Belagerung Konstantinopels gab, die demokratischen Leviten liest. Witzig – während ich diese Zeilen schreibe, lese ich auf X, dass der Rechtsanwalt Markus Roscher zu 3.000,- € Geldstrafe verurteilt wurde, weil er in einem Tweet Habeck, Scholz und Baerbock für das Heizungsgesetz als „boshafte Versager“ bezeichnet hat. Sein Waffenschein steht nun wegen „Unzuverlässigkeit“ ebenfalls zur Diskussion. Außerdem muss er im „Wiederholungsfall“ – nämlich, dass er die Genannten „in ihrem öffentlichen Wirken erheblich beeinträchtigt“ – damit rechnen, dass ihm der Entzug seiner Anwaltslizenz droht. Außerdem wurde er gewarnt, dass er im Einspruchsverfahren mit einer noch höheren Geldstrafe rechnen müsste. Sieht so die Meinungsfreiheit „unserer Demokratie“ aus? Das exakt ist es, was Vance mit seiner Rede gemeint hat. Und was unsere Politisierenden und die geneigten Medien vehement und ganz wehrhaft mit wedelnden Armen abstreiten. „Keine Meinungsfreiheit? Stimmt ja gar nicht! Halt die Fresse!“ Ich mag die AfD nicht. Ich finde sie zu wenigstens 60% ganz schrecklich, weil da auch ganz schreckliche Leute mitmachen, deren Stammtische ich schon in Jugendtagen gemieden habe, obwohl es die da noch gar nicht gab. Das spielt in einer Demokratie aber keine Rolle, wen ich mag oder nicht mag. Ich persönlich finde Grüne und Linke noch viel schrecklicher, radikaler und ja – auch gewalttätiger. Erst recht, wenn sie 1933 als Rechtfertigung für Zerstörung und Körperverletzung als Alibi heranziehen. Aber ebenso, wie ich die Einen ertragen muss, muss ich auch die anderen ertragen. Und, als Demokrat, bestenfalls mit beiden reden, weil sie vielleicht ja doch einen Punkt haben. Außerdem ist es unfair und undemokratisch, eine 20%-Partei in ihrer parlamentarischen Arbeit zu behindern und ihnen ihrer Partei zustehende Posten zu verweigern oder Gesetze und Regeln so elegant hinzubiegen, dass sie keine Chance haben, für das Geld, das sie auch von ihren Wählern bekommen, Ihren Job zu machen. Unser Grundgesetz (dessen Hochhalten in Corona bereits bestraft wurde) sieht keine „guten“ und „schlechten“ Wählerstimmen vor. Es gibt schlicht keine Abstufung. Vance hat nichts anderes gesagt als seinerzeit Gorbatschow zu den Betonköpfen im Politbüro: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“. Wer sich nicht um die Anliegen von mindestens 20% - eigentlich aber sogar mehr als 50% aller Wähler kümmert (ja, wir reden hier von illegaler Migration und Union und AfD gemeinsam), der darf sich dann auch nicht wundern, wenn die eigene, überhebliche Arroganz gegenüber dem Wahlvolk, das die ganze Butze finanziert, zur eigenen Abwahl führt. Es ist das tiefste Wesen einer Demokratie, dass es keinen Adel und keine Kaste gibt und das Volk seine Regierungen bei Nichtbeachtung abwählen und einer neuen Regierung eine neue Chance geben kann, darf, soll und – im Eigeninteresse – sogar muss. Nichts anderes hat Vance versucht, seinen europäischen Gesprächspartnern, die nun gemeinsam mit den ihnen gewogenen Medien aufgeregt flügelschlagend umeinanderkreisen, klarzumachen. Und als Antwort bekommt er – und wir – unter dem Strich die gleiche Antwort, die seinerzeit Honecker gab: „Unsere Demokratie in ihrem Lauf halten weder Trump noch Vance auf“. Flankiert von dem üblichen Gesülze von Trump als Sith-Lord mit Musk und Vance als böse Palatine. Die glauben das wirklich! Außerdem hat Vance mit Weidel und Merz gesprochen. GESPROCHEN! Sie haben richtig gelesen. Die Amerikaner haben glasklar erkannt, dass mit der EU und den Wichtigtuern der deutschen Regierungsparteien schlicht „kein Staat“ zu machen ist. „America first“ heißt auch „Europe second“ und die Rede von Vance und die Reaktionen darauf haben tatsächlich gezeigt, mit welchen eitlen und wichtigtuerischen Wichten wir es in „unserer Demokratie“ zu tun haben. Wird sich aber nun etwas ändern? Natürlich nicht. Die europäischen Kleinmächte mit ihren zappeligen Demokratieminderleistern werden sich einigeln und hoffen, dass die nächsten vier Jahre Trump und dann vielleicht vier Jahre Vance an ihnen wie ein Gewittersturm vorüberziehen werden. An uns als Wählern liegt es, ob dies so sein wird.

Haben Sie die Bilder gesehen? Robert Habeck hat eines verbreitet, Olaf Scholz ein anderes. Robert Habeck war nämlich in Auschwitz. Aber nur als Besucher. Olaf Scholz auch, auch als Tourist. Auf dem Bild Robert Habecks sieht man ihn aus der Rückenansicht, wie er zwischen einem Gebäude (dem Krematorium?) und zwei Stacheldrahtzäunen, ganz allein, fast einsam, entlangflaniert. Das ganze Bild, in einen orangen Filter getaucht, erinnert stark an die „Jever“-Werbung. Ein Mann. Seine Gedanken. Ein KZ. Veröffentlicht hat Robert Habeck das Bild auf X mit dem Untertext: „Heute, am 80. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz, habe ich in Polen das Stammlager I und später das Konzentrations- und Vernichtungslager in Auschwitz-Birkenau besucht. Neben dem offiziellen Teil gab es auch ein paar Momente allein. Ich brauche dazu nichts zu sagen, denke ich.“ Ein paar Momente. Allein. Robert Habeck mit sich selbst. Und dem Kameramann. Und den Personenschützern. Möglicherweise auch mit seinem Social-Media-Team und seinem Wahlkampfteam. Aber allein. Hauptsache allein. Mit seinen Gedanken. Und die teilt er mit, indem er sie nicht mitteilt. So isser, unser Robert, gell? So ein eigentlich stiller, besinnlicher und, ja, auch tief philosophischer Typ. Ich kann mich nicht gegen meine Phantasie wehren. Ich sehe mich mit Robert Habeck und seinem Team da, in dieser Todesgasse stehen und das, was wie ein Schnappschuss – welch grässliches Wort in einem Konzentrationslager – aussieht, inszenieren: „Robert, wir machen das von hinten. Wie in der Werbung. Geh ein paar Schritte nach da. Nicht umdrehen, Robert, NICHT UMDREHEN, HERRGOTT, ja, so isses gut, Stimmt das Licht, Malte? Klasse. Nicht so weit weg, Robert, es muss zufällig aussehen und wir können das Stativ und das Licht nicht hinter Dir hertragen. Geh nochmal so… JA, PASST, IS IM KASTEN! Super Robert, das wird ein Kracher!“ Ein Hauch von Bierwerbung weht durch das Bild: Wie das KZ, so das Jever. Ich weiß nicht, ob er oder Olaf Scholz schneller war, unser Kanzler ließ sich von hinten insze… fotografieren, wie er vor einem der Öfen im Krematorium steht. Mittig. Im gedämpften Licht. Besinnlich und sich besinnend. Ob er da ein Gebet gesprochen hat? Man weiß es nicht, aber die Bildkomposition ist sehr schön, sehr symmetrisch. Da hat das Fotografierende gut mitgedacht. Diesen beiden Typen ist das vielleicht grausigste und grausamste Vernichtungslager der Welt nicht zu schade, um sich zu Wahlkampf- und Eigendarstellungszwecken optisch hübsch in Szene zu setzen, um einen auf „besinnlich“ zu machen. Das, was vor Ort passiert ist, wo Menschen verprügelt, verreckt und schlussendlich vergast wurden, wird heute von ganz aufrecht unserdemokratischen Politikern zur Gruselkulisse für nicht hässliche Bilder, zum „Auschwitzland“ für professionelles Trauern herabgewürdigt. Wahres und echtes Gedenken braucht keine Pressefotografen, sondern Ruhe und Geschichtsbewusstsein, was ich mit einem Pulk von Fotografen, Security und Begleitentourage für höchst schwierig halte. Beide Bilder haben einen bitteren Beigeschmack von „Halloho? Ich trauere und bin nachdenklich! Seht Ihr, wie ich trauere? Seht Ihr es? Kinners, hierher, ich trauere! Guck, da der Ofen, da der Stacheldraht, schrecklich. Soll ich nochmal im Halbprofil…?“ Es gibt vielleicht noch eine Handvoll Leute, die aus Auschwitz entkommen und bewusst erzählen können, wie es war und auch sie werden bald gestorben sein. Wer als 10-jähriger da hinkam und überlebte, ist spätestens 1935 geboren und heute 90 Jahre alt. In zehn bis zwanzig Jahren wird die Erinnerung an den Holocaust nur noch virtuell in Filmen und Literatur gegenwärtig sein, da es keine Zeitzeugen mehr gibt, die das Monströse dieses Ortes aus eigener Anschauung vermitteln können. Dann wird Auschwitz endgültig zur Gedenkkulisse von Politikern herabgewürdigt werden, wenn die Museumsleitung hier nicht eingreift. Eigentlich sollte auf dem gesamten Gelände ein Fotografier-Verbot herrschen. Auch und besonders für Politiker. Das ist kein Ort, um Besinnlichkeit zu heucheln und publikumswirksame Bilder zu schießen. Oder lustige Selfies für Instagram und Tiktok zu machen. Was kommt als Nächstes? „My friends went to Auschwitz and all I got was this lousy T-Shirt“? Das ist Auschwitz. Der Ort eines der größten Verbrechen der Menschheit. Ein Ort, an dem Täter zu viehischen Barbaren und Opfer zur vernichtbaren Objekten herabgewürdigt wurden. Ein Ort, gegen den die Hölle ein angenehmer Platz sein muss. Ein Ort, an dem es keine Moral und keine Menschlichkeit mehr gab. Und an diesem Ort standen zwei Politiker in guter Ausleuchtung und simulierten Anteilnahme. Dann reisten sie wieder ab und beschlossen, noch mehr Judenhasser ins Land zu lassen. Es widert mich nur noch an.


